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Rache
radieren, aus- wieviel, wieso es etwas auszuradieren gibt, soviel, und vor allem dieses, oder präziser was denn genau, und warum ist diese menge gummi, die ja irgendwie proportional zu entschwindendem und verworfenem ist : wie ist das je verständlich? (rio-läufer: davonlaufen? oder, mit freier fantasie rubbelies auf den tisch, neben das gewollte, verworfene hinzeichnen. der abfall als ewig, immer wieder gelungenes. (ab-fall : weg fallen von). zurückkommen. zum unausradierten unverbesserlichen. zum utopischen vor dem gummi, zum utopischen, wenn der gummi davongelaufen ist. in den gummiabfallbereich : die gummikrümel sind voll von allem mehrfach existierendem : utopien im müll. wenn utopien, dann im verworfenen, wo denn sonst gibt es die reichhaltigkeit des «vorher wusste ich es auch schon, dass ich es nachher besser wissen werde». hier müsste ein märchen erzählt werden: nur dass ich märchenverlassen bin. so sind auch die märchen: verlassen, ohne verlass. der zwang, eine geschichte zu erzählen, ist so rührernd, vor allem wenn das märchen gut ist und der radiergummi bei der hand (bei fuss?), dass ich gerne vergesse, dass diese geschichte schwer an meiner unterhose und allen schiffsrümpfen vorbeifegt. man könnte das jetzt auch mit sinnlichkeiten und metaphern vollpfropfen aber das wäre dann wieder nur radiergummi. es geht hier nicht um den perfekten satz, der jedes leben in die unsterblichkeit hebt, aber doch schon, aber ganz präzis auch nicht. so schön kann ein radiergummi sein. tränen sind die radiergummis der seele. die tränen. und das meer ist der urwald der gummibäume. versetzt werden ist die katapultiermaschine, die etwas von einem zum anderen kippt. das ausradieren im sinne der ‹tabula rasa› ist das gegenstück zum brummenden teddybär: wenn keine teddybären brummen und der glanz im auge der mutter nicht zu erkennen ist: dann wird aufgeräumt, geputzt, gestriegelt, entlaust und entvölkert. hitler ist hier mittlereile, als exponat der gattung, zum boogey man geworden, zum star der szene. er steht aber nicht allein im gewimmel der meister proper brigaden: es sind ihrer seit jahrtausenden viele. [mvs: 020313/030411] > oh, darwin und grundsätzlich: vergessen; jean paul (der unradierer); paranoia; putzzwang, meister propper
Radiergummi Der Radiergummi für besprayte Häuserwände heisst Rico Graffiti Killer der 1928 in Deutschland gegründeten Unter-nehmergruppe Pufas. Die Werbung ihrerseits «wirkungsvoll, Zeit sparend, aromatenfrei, die Umwelt schonend, biologisch abbaubar, giftklassenfrei» operiert bereits mit Argumenten, die jedem Ökoflicker den Wind aus den Segeln nehmen. [ffv 28122003]
Rapport wo dinge kaputt gehen, ausfallen, anders reagieren als erwartet, wird geflickt, geflucht, geschrieben: risiken und störungen haben durchaus kreatives potential, sie sind kulturell verhandelbar, sie werden definiert und modifiziert. in den rapporten der zürichsee schifffahrtsgesellschaft findet man beschreibungen defekter objekte, prekäre situationen, eigeninteresse und ironische bemerkungen: so etwas wie eine brüchigkeit der tatsachen. die rapporte stehen exemplarisch für den nicht linearen prozess von der konstruktion über die produktion bis zum konkreten einsatz von technik, denn es entstehen keine fertigen techniken, wie uns die erfindungsgeschichte oft glauben machen will. technik heisst immer auch: aushandlungsprozess, an dem menschen und maschinen gleichermassen beteiligt sind. das funktionieren und das nichtfunktionieren liegen eng beieinander und das technische misslingen der so genannte zufall, ausfall, unfall ist nicht nicht einfach systemfehler, sondern prinzip, es ist latente möglichkeit, dieses überraschende, unerwartete und doch immer wieder eintretende, von ihm zu schreiben bedeutet also nicht, eine geschichte des misserfolges zu schreiben, sondern lediglich die perspektive zu wechseln. was hinterher oft als kontinuität oder lineare entwicklung ausgegeben wird, ist in tat und wahrheit ein interaktiver adaptionsprozess, in dem sich menschen neue technologien aneignen, ihnen ihr verhalten anpassen, strategien entwickeln und mit neuen störungen und defekten umgehen lernen. gleichzeitig versuchen sie, innerhalb sozialer beziehungen und organisatorischer strukturen die dinge so abzuändern, dass sie im arbeitsalltag mit ihnen zurechtkommen.
aus den rapportbüchern: MS Pfannenstiel, 10.4.98 «Dimmer Kontrolllampe verkehrt angeschlossen. (Pult Bb rechts unten). Drehung rechts hell / links dunkel.»
MS Säntis, 10.7.01 «Drehzahlverstellung wieder ausgefallen. Getroffene Massnahmen: Mit Hammer Ursache behoben. Siehe auch Rapporte vom 6.7. und 7.7.01.» DS Stadt Rapperswil, 29.6.98 «Schloss vom mittleren Damen-WC ist defekt. Türe musste aufgebrochen werden, da eine Frau eingesperrt war.»
MS Pfannenstil, 16.7.98 «Da der Kassier das Schiff ohne Abfahrtssignal vom Pfahl löste und ich das Schiff 4mal neu starten musste, bis Kupplung auf ein war. In dieser zeit schob der Wind das Schiff vorne in den Steg, wobei am Bug ein Farbschaden entstand.»
DS Stadt Rapperswil (ohne Datum) «Steuerbord Einstiegstüren: Reling klemmt. Getroffene Massnahmen: Mit einem Trick ist es schliessbar.» [lh] > moderne; klabautermann; soziotechnik; reglement; reparaturservice
Rasenmäher
Rasur
Reanimation (lat.) Wiederbelebung, das Wiederingangbringen erloschener Lebensfunktionen durch künstliche Beatmung, Herzmassage o.ä.
Recycling Recycling versteht sich grundsätzlich als etwas neu Geschaffenes, dessen Ausgangs- oder Rohmaterialien alt oder als Ausdruck bewussten Umgangs mit Produkten und Ressourcen, nicht zuletzt aufgrund eines schlechten Gewissens, getarnt sein können. Hier wird mit einem alten, ausgemusterten Material eine gänzlich neue Form und Funktion geschaffen. Die Aura des Neuen besteht darin, dass es das Alte, Vergessene, Verlorene sozusagen als nostalgischen Wert mitschleppt. [ffv 02012004]
Redressement (lat.-fr.) 1. Wiedereinrenkung von Knochenbrüchen und Verrenkungen. 2. Orthopädische Behandlung von Körper-fehlern oder Deformationen (besonders der Beine und Füsse), auch das Geraderichten eines schiefen Zahns mit der Zange.
Redundanz überfülle im ausdruck, womit das auszudrückende unterstrichen, zementiert, eingeprägt wird, ein gewisses insistieren also, damit auch wirklich jeder und jede, also auch der oder die hinterletzte, durch eine unmenge an überschüssiger information die bei störungsfreier (über-korrekter? schnellverfahrender?) kommunikation ohne jeglichen informationsverlust wegfallen könnte vielleicht doch auch noch auf den kerngedanken aufmerksam wird. redundanz ist schön, wegen dem wiedererkennungseffekt und wegen der mehrdimensionalen einprägsamkeit. wahrscheinlich macht sie einen grossteil des genusses aus beim anhören der abegg-variationen von schumann oder seinen sinfonischen etüden (ein thema und zwölf variationen darüber, in der frühfassung, also zwölfmal ein wenig wie heimkommen, auf unterschiedliche weise), oder den variationen in f-moll von haydn (der hat sowieso reine unterhaltungsmusik ge-schrieben, das hat schon glenn gould gesagt, der immer seinen privaten kleinen stuhl mitgebracht hat zu den konzerten, damit die leute auch ganz sicher wussten: das ist er. der sieht nicht nur aus wie glenn gould und spielt wie glenn gould klavier, der hat auch diesen unverwechselbaren glenn-gould-stuhl dabei und summt auf unverkennbar glenn-gouldsche weise immer ein wenig mit wenn er spielt, immer ein wenig falsch, was aber dem genuss seiner interpretationen kaum einen abbruch tut). und so ist wahrscheinlich auch der unglaubliche erfolg von vokstümlichen musikantenstadl zu erklären: millionen sehen sich da jeweils an, wie nette junge männer und nette junge damen in einem unvergleichlichen 70er jahre-aufputz (blonde schnäuze, ge-stützte brüste, gepuderte gesichter), umgeben von immergleichem dekor lieder mit austauschbarem inhalt singen, begleitet von keyboard, e-gitarre und ein klein wenig schlagzeug, für den rhythmus, typische alpensound-besetzung, und nach vier durchgängen kommt dann jeweils die transposition in die nächsthöhere tonart, was wohl auch die herzen einen ton höher schlagen lässt. [lh]
Schon in der Logik könnte, bei der Lehre von den analytischen Urtheilen, beiläufig bemerkt werden, dass sie eigentlich im guten Vortrage nicht vorkommen sollen; weil sie sich einfältig ausnehmen. Am meisten tritt Dies hervor, wenn vom Individuo prädiciert (ausgesagt) wird was schon der Gattung zukommt: wie z.B. ein Ochs, welcher Hörner hatte; ein Arzt, dessen Geschäft es war, Kranke zu kurieren, u.dgl.m. Daher sind sie nur da zu gebrauchen, wo eine Erklärung, oder Definition gegeben werden soll. [Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena, 288] > tautologie, postkarten
Rehabilitation Wiedereingliederung eines Kranken, körperlich oder geistig Behinderten, eines (zu unrecht) Bestraften in das berufliche und gesellschaftliche Leben. Wenn jemand rehabilitiert wird, meint dies die Wiederherstellung des sozialen Ansehens, resp. die Wiedereinsetzung in die früheren (Ehren)rechte. In einer Reha-Klinik ist nicht letzteres das Ziel, sondern eher die Genesung, die Rekon-valeszenz. [ffv 02012004] > mikrophysik der macht; politik
Reklamation (lat.-nlat.) Beanstandung, Beschwerde.
Rekonvaleszenz (lat.-nlat.) Genesung, Genesungszeit.
Religionen, Ideologien, Erste Hilfen für die Seele religionen = flicke für das unerklärliche = wo man nichts erklären, beweisen, nicht erleben kann, setzt man ideologie / religion ein. wo wird das alles zu nichts? wo sind die versuche der auflösung des ideologiefluchtversuchs? im zen (östliche version) oder seit nietzsche (westliche version)? ich aber sage: wer einen papa braucht, hatte erst mal eine mama und ohne die geht nix. und wer, sagen wir mal etwas später, einige jahre nach der pubertät, noch beide ‹braucht›, hat sich in den schilf (>moses = schon wieder eine religion) gesetzt. wer aber endlich wird, kann sowohl die herkunft wie auch die gegenwart als auch die zukunft ganz genuin verstehen oder auch nicht : ou mallon (no more this than that). [(pa)/mvs: 020606/030304] > l.h.o.o.q.; ou mallon
Remedur (lat.) (Gerichtliche) Abhilfe, Abstellung eines Missbrauchs.
Renaturierung gegenteil von denaturierung; beides kulturtechniken. die denaturierung ist eine b-technik (bauplan, bagger, betonmischer), die renaturierung eine p-technik (postkatastrophale problembekämpfung, political correctness, pressluftbohrer). ihre motive sind vielfältig und reichen von ökologischen überlegungen bis zu ästhetischer landschaftsgestaltung (optische kosmetik). ursprünglich wurde der begriff ausschliesslich in zusammenhang mit fluss- und auenlandschaften verwendet. er stand für die rückführung eines ausgebauten gewässers in einen natürlichen oder naturnahen zustand. heute ist er gleichsam werbeslogan für das anlegen von naherholungsparks in der agglomeration oder die umnutzung von ehemaligen industriebrachen zu bio- und soziotopen. [lh] Zwischen einen Naturzustand und einem Natur ähnlichen Zustand kann es erhebliche Unterschiede geben. Insofern ist eine Renaturierung immer auch eine kulturelle Leistung und nicht ein natürlicher Prozess. [ffv 03012004]
Renovation (lat.) Diese Erneuerung zielt jenseits der wieder erstellten Funktionstüchtigkeit zusätzlich auf einen ästhetischen Mehrwert. Hier wird die alte Substanz soweit erhalten, als sie in das ästhetische Konzept eingegliedert werden kann. Bei dieser Verschönerung ist aber der äusserliche Glanz massgebend und nicht unbedingt die eigentliche Funktion. Bei einer Renovation kann also durchaus Stilechtheit vorgegaukelt werden, gerade weil die Oberfläche und nicht die Substanz im Blickzentrum steht. Leute, die renovieren, reklamieren aber in jedem Fall Fach- und Sachkenntnis, zumindest hinsichtlich der Oberfläche. Eine Schwester der Renovation ist die Restauration. Menschen mit einer solchen Ausbildung würden nie von sich sagen, sie würden flicken, weil das in ihren Ohren unpassend, ja obszön tönt. Merkmal dieser handwerklichen Profis sind wiederum die analytischen Kenntnisse, die sie kraft ihres Wissens, ihrer Leidenschaft und ihrer Erfahrungen in einen ‹Problemfall› einbringen. Sie stellen nicht nur einen Gegenstand wieder in seiner (technischen) Funktion und seiner (idealisierten) Ästhetik her, sondern betten ihn zusätzlich in einen historischen Kontext. Sie flicken sozusagen nebst der Oberfläche auch die historische Tiefe: Der Gegenstand repräsentiert Geschichte. In ihren Händen gedeiht er zum Vertreter eines Geschichtsverständnisses, er wird zum Massstab ihrer Kunst und ihres Könnens. [ffv 02012004]
Reparation (lat.) 1. eine Form der Regeneration, bei der durch Ver-letzung verloren gegangene Organe ersetzt werden. 2. (nur pl.) Kriegsentschädigungen, Wiedergut-machungs-leistungen. >diplomatie; mediation
Reparatur (lat.) Wiederherstellung, Ausbesserung, Instand-setzung. >flick, der; cento; reparaturservice
Reparaturservice Der Ärger wird dann am grössten, wenn die Sollbruchstelle das kleinste und billigste Teil betrifft, und damit das gesamte Gerät ausser Betrieb setzt. Es zeigt sich hier der fundamentale wirtschaftliche Unterschied bei der Berechnung von Arbeitszeit einerseits und Materialgewinn samt Produktionsprozess anderseits. Der Widerstand gegen die aus Amerika importierte Weg-werf-kultur regt sich vor allem dann, wenn die Reparatur-kosten oder die Beschaffungskosten des Ersatzteils die Anschaffungs-kosten nahezu übertreffen. Klar kann man ehrbare Gründe gegen den Erhalt des Vorhandenen anführen und damit auf Fortschritt schwören, doch ist auch dies typisch amerikanische Blindheit, da Res-sourcen nie in Rechnung gestellt, resp. die Quellen mittels kriegerischem Imperialismus für den Heim-markt erschlossen werden. Zum Reparaturservice gehört ein Reparaturauftrag, der sich vor allem in einem Reparaturformular niederschlägt. Darin enthalten sind personelle Daten des Kunden, eine Auftrags-nummer, Artikelbeschreibungen und/oder -daten, Hinweise zu Garantie, Versand oder Zubehör. Allenfalls wird lediglich eine (kostenpflichtige) Reparaturofferte gemacht, im andern Fall wird eine schriftliche Auftragserteilung durch Unterschrift besiegelt. Wichtigstes Teil des Formulars ist die Diagnose, die der Kunde vermutet und aufgrund der Deskription einen Hin-weis auf den Defekt gibt. Mit einer Kopie des Re-paratur-auftrags, resp. eines Belegteils davon (Kunden-empfangsschein), kann das Gerät nach ausgeführter Reparatur wieder abgeholt werden. Das Formular wird quittiert, der Reparaturauftrag damit als erledigt betrachtet. [ffv 13022003] > reparatur, rapport reparieren Als Reaktion auf die Abnutzung ist es unbestritten, dass trotz aller neuen Ware, das Geschick des Flickens und Re-parierens nur mit Kreativität, mit Improvisation und geschickter Kombination, mit dem Bewusstsein für Machbares und unter dem Diktat des vorhandener Ressourcen, erreicht werden kann. Erst die Erfahrung ermöglichte es, das technische Know-how fürs Re-parieren zu verwenden. Gerade in diesem Flickwerk zeigt sich das manuelle Geschick, die praktische Kreativität der Leute, die Tüftelei, manchmal fast klarer, sie tritt deutlicher zutage «als in den vielen Artefakten und Zeug-nissen der Volkskunst, die als populare Leistungen in den Volkskunde-museen dargeboten werden» [Gottfried Korff: Reparieren: Kreativität des Notbehelfs?, 15]. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, das agrarische Gegen-stände und weitgehend mechanische Werkzeuge aufgrund der Ein-sichtigkeit in ihre Funktionalität eine Reparatur-fähigkeit eher zuliessen. Wenn heute die Einsicht in die Kom-plexität verweigert wird, mit der Strategie des Ver-schweissens, Vernietens und Ver-klebens statt des Verschraubens dem Blick entzogen wird, kann auch der- oder diejenige, die den Defekt reparieren könnte, sofern er sich dahinter verbirgt, nichts mehr ausrichten, ohne neuen Schaden anzurichten. Wo Bauteile in sich geschlossen sind, werden diese bei Defekt nicht mehr geflickt, sondern ausgewechselt. Durch die bloss manipulative Arbeit braucht es auch kein fachspezifisches Wissen mehr. Die Spezialkenntnisse sind nicht mehr gefordert. Flicken selber, oder überhaupt erst die Analyse und Diagnose des Defekts, ist ein langwieriger Prozess, der viel aufwändiger und damit teurer ist als das durch automatische Fertigungsprozesse hergestellte Produkt. Deshalb lohnt die Reparatur meist nicht, man fragt nicht mal nach, ob man ein Gerät noch reparieren könnte, weil bereits die Erstellung eines Kostenvoranschlags die Öffnung der reparaturbedürftigen Ware verlangt und mit einem Arbeitslohn zu Buche schlägt, der weit im zweistelligen Prozentbereich der Neuanschaffung liegen kann. [ffv 13022003]
Resozialisation (lat.-engl.) (nach Verbüssung einer längeren Haft-strafe) schrittweise Wiedereingliederung in die Gesell-schaft mit den Mitteln der Pädagogik, Medizin und Psycho-therapie. >verarbeiten
Restauration Nicht selten werden umgenutzte Zeugnisse der Alltagsgeschichte zu profanen Reliquien, die in Haus, Hof und Garten eine neue Wirkmacht entfalten sollen. [ffv 01122003]
Restaurierung (lat.) 1. Wiederherstellung eines Kunst- oder Bauwerks oder einer technischen Apparatur in seinen ursprünglichen Zustand, evtl. samt der Funktion; fachmännische Instandstellung, Ausbesserung, Auffrischung. 2. Wiederinstallierung einer früheren, an sich überwundenen politischen und/oder gesellschaftlichen Ordnung.
Restitution (lat.) 1. Wiederherstellung, Wiedererrichtung; 2. Wiedergutmachung, Schadenersatzleistung für alle einem anderen Staat widerrechtlich zugefügte Schäden. 3. In der Biologie eine Form der Regeneration, bei der die auf normalem Wege verloren gegangenen Organteile (z.B. Geweih, Federn, Haare) ersetzt werden.
Retusche Nachträgliche Veränderung bei Fotos oder Druck-platten, um Fehler auszumerzen oder Details hinzuzufügen. Heute beginnt die Retusche unmittelbar nach der Bildproduktion, also bereits in der digitalen Form. Streng genommen könnte man auch das Arrangement vor der Aufnahme als Retusche bezeichnen, da hier der ge-wünschte Blick inszeniert wird, d.h. alles nicht Er-wünschte über den Bildrand gedrängt wird. [ffv 02012004]
Retusche: les yeux et les jeux In Zusammenhang mit der Diskussion unter Bestattern, die darüber debattieren, wann ein amputierter Körperteil bestattet statt in die Seifenproduktion geworfen werden müsste, wann also genügend Blut, Muskel und Knochen beisammen sind, um als menschliche (Teil)identität zu gelten, die einen Namen verdient, ist die Frage nach der Menge Mensch, damit von einer Identität gesprochen werden kann, auch in der Fotografie berechtigt. Zwar gibt es bereits die von den echten Fotografen meist respektierte Fotografierbremse, wonach an öffentlichen Orten Gruppen ab fünf Personen problemlos fotografiert werden dürfen (vier oder fünf Personen gelten in politisch unstabilen und repressiven Zeiten als Zusammenrottung und damit als Verletzung des Demonstrationsverbotes: respektive als Freiwild für Fotografenspitzel und Wasserwerfer). Viele Amateure sind in Bezug auf den Respekt vor dem andern Ich mit ihren aufgepflanzten Teleobjektiven ebenso unzimperlich und penetrieren telegen, das Zoom vor- und rückwärtsschiebend als sei es ihre Vorhaut. Doch zurück zur Frage, wann ein Bild eines Gesichtes Identität markiert oder wann der Kopf bloss Fragment, Torso oder non finito ist. Im Vergleich mit dem plastischen Schaffen taucht der Unterschied sehr schnell auf: Erst die Augen erwecken zur Lebendigkeit. Eine Figur sieht bloss, wenn sie Pupillen mit Lichtfleck oder Reflexionspunkt aufweist. Der Blick, respektive das Sehen macht ein plastisches Gebilde unmittelbar zur Person, zum lebendigen, unverwechselbaren Porträt. Die Augen sind das einzige Sinnesorgan, dem unmittelbare Lebendigkeit zwischen stechenden, kalten, verliebten, traurigen oder toten Augen als Adjektiv und Attribut nachgedichtet wird. Zudem sind die Augen ärztliches Indiz für Tod oder Leben. Eine tote Nase, oder einen lebendigen Mund ist bloss ein sprachliches Konstrukt. Einzig mit dem Herz lässt sich noch eine Ähnlichkeit feststellen: wildes Herzklopfen, Herzrasen, Herzattacke, Schlaganfall. Das heisst also, dass der Blick etwas Sichtbares, das Sehen eine von Aussen im übrigen wiederum bloss mit dem Auge wahrnehmbare Handlung ist, etwas andauernd in Bewegung Befindliches. Sind die Augen geschlossen, ist der Tod (oder der todesähnliche Schlaf) nahe; man versichert sich unmittelbar über den Pulsschlag oder die Atembewegung des Brustkorbes. Das Einschwärzen der Augenpartie in der kriminalistischen Fotografie verkürzt die Identität einer Person auf ihr Ungefähres, auf das in Betracht Kommende. Heisst das also, dass ein Porträt ohne Augen kein Porträt mehr ist, sondern bloss noch ein zerstörter Kopf, ein Fragment ohne leben? Ich möchte behaupten, dass kaum jemand ein Recht am eigenen Bild beansprucht, wenn die Augen ausgeschnitten werden. Jedenfalls ist ein Kopf ohne Augen etwas Unvollendetes in Bezug auf die Identität. Diese Identität will vor allem in der Positivretusche mit Deckweiss und Retuscheschwarz geschärft sein. Wenn auch am ganzen Porträt nichts retuschiert wird, die Augen müssen stimmen, d.h. ihre Lebendigkeit muss optimiert sein. Vor allem auf früheren Porträtfotografien, als die Bilder aufgrund der ausfransenden Silberemulsionen noch Schärfewünsche übrig liessen, wurden die Konturen nachgezogen und die Augen optisch aufgehellt. Im Theater und im TV passiert im Übrigen etwas Ähnliches, indem durch die Schminke die Wirkung gegen aussen, über den Orchester- und Wohnzimmergraben, im Gegensatz zum Film verlängert wird. Die Retusche verlängert die Wahrnehmungsdistanz. [ffv 00041991]
Reue
Revision Man könnte versucht sein, das Thema Flicken als antiquiert zu verunglimpfen. Doch dies ist lediglich der Fall, wenn man darunter textile Instandstelltechniken subsumiert, die tatsächlich immer weniger Leute interessieren, vor allem auch deshalb, weil die Textilien selber, nicht mehr so gemacht sind, dass sie über lange Zeit halten müssen; vielmehr haben sie den Mehrwert des Modischen inkorporiert, sodass bei veränderten Moden eben auch noch so gut erhaltene Stücke obsolet werden. Mit zu dieser schlechten Qualität der Stoffe haben auch die Arbeitsfelder selber beigetragen, die heute ausser in Speziallabors, kaum mehr zwischen Arbeits- und Freizeitkleidung unterscheiden. Die Arbeitskleidung mit spezifischen Taschen, Stoffen, Schnitten, Farben etc. wird stets weiter zurückgedrängt und macht einem allgemeinen textilen Kunterbunt Platz, das man solange bei der Arbeit und/oder in der Freizeit trägt, bis es aus der Mode ist, nicht bis es materiell nichts mehr taugen würde. Diese verkürzte Halbwertszeit wird unterstützt mit der offensichtlichen Zunahme an Gütern selber, die den Wechsel des Gerätes, der Kleidung, der Technik, der Maschine etc. innerhalb des gleichen Haushaltes ermöglichen und damit kaum mehr eine Sache, ein Ding bis zum Rande des Funktionierens ausreizen. Wenn es doch mal soweit kommen sollte, dann wäre das Gerät durchaus wieder instand zustellen, also zu erneuern, doch lohnt dies im Vergleich zum neuen Produkt aufgrund der hohen Arbeitszeit und den Gestehungskosten für Ersatzmaterial nicht. [ffv 12022003]
die revision (wiedersehen, wieder anschauen) ist ein präventivflick & ein retroflick: revidiert wird oft in erfahrungsabhängigen zeiträumen. [musik: bob dylan: ‹highway 61 revisited›] ® [mvs: 030313] > dylan, bob
Revitalisierung (lat.) wieder kräftigen, wieder funktionsfähig machen (med.). 2. wieder in ein natürliches Gleichgewicht bringen (biol.)
Revolution
Riss
Robidog die robidogzeit scheint langsam vorbei zu sein. die grünen blechkisten, an die man sich in der stadtlandschaft allmählich gewöhnt hat, sind in zürich teilweise ersetzt worden durch gelbe: leuchtender, weniger öko, mehr hip. und da steht jetzt nicht mehr robidog drauf (hat irgendjemand je begriffen, was ‹robi› bedeutet?), sondern bravo. mit ausrufezeichen (!). international, interkulturell und im zuge der vereinheitlichung der stadtsauberhalteproklamation. und da kann man also weiterhin so schwarze plasticksäckli nehmen (gratis), auf denen ein hund abgebildet ist, damit auch analphabeten auf die idee kommen, dass bravo irgendetwas mit hund zu tun hat, und darunter steht dann unmissverständlich: hundekotbeutel. in grossbuchstaben: HUNDEKOTBEUTEL. ich liebe dieses wort. wie unglaublich abstrakter tönt da das französische ‹elimination de crottes de chien›, das darunter steht. nein, ich hänge da trotz frankophilen zügen an der deutschen inflation von komposita: hundekotbeutel, und das wort kommt mir unweigerlich in den sinn, wenn ich hundehalter und hund und hundekotbeutel in interaktion sehe. [lh] > kehricht
rück- zahlreiche ‹rück›-wörter stehen in eigentümlicher korrelation zu ‹flick›-bedeutungen: rückbesinnung: …auf gewisse ethisch-moralische werte, denen das entgleiste verhalten dann wieder angepasst wird. rückbezüglich: qualität von einer bestimmten klasse von für-wörtern, auch reflexivpronomen genannt, die bevorzugt bei referenzidentität mit dem subjekt desselben teilsatzes verwendet werden. also ‹ich wasche mich›, im gegensatz zu ‹ich wasche das auto› oder ‹er wäscht mir den kopf›. damit da keine missverständnisse entstehen. rückhalt: nicht zu verwechseln mit hinterhalt (oder doch?): rückendeckung von dritter seite. rückkehrhilfe: finanzielle unterstützung für fremde fötzel, die freiwillig oder unfreiwillig in ihre so genannte heimat zurückkehren sollen. rücksichtnahme: modifiziertes verhalten im bewusstsein um einen möglichen interessekonfli(c)kt. rückstellung: in der wirtschaft bezeichnung von passivposten in der bilanz, zur berücksichtigung ungewisser verbindlichkeiten. rücktrittsdrohung: oft letzte provokative massnahme eines politikers, wenn alle rhetorischen künste, argumente, statistiken, expertisen etc. nichts nützen und keine alternativen zum retten einer verfahrenen situation einerseits und der persönlichen ehre andererseits vorhanden sind. rückübersetzung: amtliche protokolle, welche aufgrund einer übersetzung geschrieben worden sind, müssen rückübersetzt werden. damit der betroffene auch sicher sein kann, dass da drinsteht, was drinstehen soll. präventivmassnahme gegen einen eventuellen nachträglichen rekurs. rückvergütung: rückerstatten des betrags, der beim erwerb eines bestimmten produktes geleistet wurde, nachdem das produkt wegen unzufriedenheit, unbrauchbarkeit oder sonstiger unbill (unbillig) zurückgebracht wurde. läuft unter kundenfreundlichkeit und kundenstammerweiterung. rückwirkend: rückwirkende massnahmen und regelungen haben sowohl einen einfluss auf die zukunft, wie auch auf die vergangenheit, womit erwiesen wäre, dass entwicklungen nicht immer linear, kontinuierlich und determiniert sind, sondern grundsätzlich flickbar. rückzug: abmarsch von abkommandierten truppen nach erfüllen der militärischen pflicht, wonach dann mit dem wiederaufbau begonnen werden kann. zurücknehmen: revozieren, widerrufen. äusserst schwierige flicktechnik, weil häufig glaubwürdigkeit und integrität auf dem spiel stehen. [lh]
Rückwärtskompatibilität Um den Austausch digitaler Daten zu gewährleisten, müssen Programme, vor allem dem Namen nach identische Programme, miteinander kompatibel sein. Da alle Jahre Neuanpassungen und neue Quellcodes geschrieben werden, ist damit zu rechnen, dass diese Kompatibilität binnen Kürze nicht mehr gewährleistet ist. Um diese wieder herzustellen, braucht es entweder ein Upgrade, also eine erneuerte Version für die Maschine, die sich im Hintertreffen befindet, oder es braucht Konvertierungsmodule, die aus einer neuen Version eine ältere herstellen, die möglicherweise bestimmte Eingaben nicht unterstützt und damit Verluste und Veränderungen im Vergleich zum Original produziert. [ffv 10102003]
Rumpelkammer Eine Ansammlung alter Dinge, oft auf dem Dachboden gelagert. Die Gegenstände sind selten zur Wiederverwendung geplant, dienen aber der Vergewisserung von (Familien-)Traditionen und Erinnerungen. Die «Welt der Frau», Beilage der Familienzeitschrift «Die Gartenlaube» druckte im Jahr 1905 eine autobiographische Erzählung zur Rumpelkammer ab: «O du wundervoller, staubbedeckter, spinnwebumsponnener Winkel mit den rissigen, unter jedem Schritt ächzenden Dielen, den Dachziegeln, durch die der Wind mit hohlem Pfeifen und Pfauchen strich, mit deinen Kisten und Kasten, Körben und Schränken voll versteckter Heimlichkeiten wie viel von der Poesie und dem phantastischen Glück meiner Kinderjahre hast du nicht umschlossen!» [Winkler; Hannah (1905): Die Rumpelkammer, in: Die Welt der Frau, Beilage der Gartenlaube, 365] Der schwärmerischen Hymne wurden allerdings auch kritische Stimmen gegenübergestellt: «Auch die Hausfrau ist nicht mehr wie einst. Hielt sie früher an jedem Gerät fest, an jedem Gebrauchsstück zähe fest, unwillig, auch nur das Geringste fortzugeben, so ist sie jetzt fast allzu schnell bei der Hand, sich von altem Hausrat, von Er-innerungsstücken zu trennen. Sie ist pietätlos geworden, praktisch und nüchtern wie die Zeit, in der sie lebt. In modernen Häusern gibt’s keine Rumpel-kammer, keine Vor-rats- und Schrankstuben mehr.» [Ebd.] [rg] > herft; gerümpel
Rumpelstilzchen (ein volksmärchenhafter Fehlschluss) «ach, wie gut, dass niemand weiss, dass ich rumpelstilzchen heiss.» so laut rausgebrüllt ist dieses letale fehlverhalten, dass jeder märchengrimmeuropäer heute auf den stockzähnen lacht. dass in anglophonen gefilden der ‹nachrichtendienst› ‹intelligence service› genannt wird, ist trotzdem ein lusus naturae: nie klar ist, wer zum ende lacht. [mvs: 030406] > twin towers unflickbar; intelligence service; FBI; CIA; KGB; fichen, CH |