Pädagogik

 

Panne

Schrei(b)fehler für P(f)anne. Pannen sind eben sehr pfannenanfällig. Nur Panditen sind p(f)annenfrei – siehe Lexikon! [ffv 02012004]

 

Pannenhilfe: die gelben Engel

Der Touring Club der Schweiz, 1896 von Genfer Velofahrern gegründet, ist jenseits seiner politischen Interessensvertretung und seiner Konzerntätigkeit vor allem als Pannenhilfe unter der Telefonnummer 140 bekannt. Dabei stehen täglich gut 1000 Mal (2003: 400’000 Pannen) erfahrene, gelb gekleidete Patrouil­leure rund um die Uhr im Einsatz, um Autos wieder flott zu machen, resp. blockierte FahrerInnen aus der misslichen Lage zu befreien. Als Versager gilt vor allem an heissen Tagen die Elektronik in modernen Autos, aber auch fast bis zum St. Nimmerleinstag hinausgeschobene Wartungsintervalle in wirtschaftlich angespannten Zeiten. Nicht zuletzt figuriert die Nachlässigkeit, auf den Benzinstand zu achten, sodass allein der fehlende Most zum Halt zwingt. Für die 1,5 Millionen Mitglieder ist der Service gratis, andernfalls sind schnell 300 Franken fällig.            [ffv 08022004]

 

Panzerbrücken

panzerbrücken sind in afghanistan nicht etwa brücken für panzer, sondern brücken aus panzern. während den jahrelangen kämpfen sind so ziemlich alle brücken des landes zerstört worden; finanzielle mittel für einen wiederaufbau fehlen. welch innovativer geist, der da auf die idee kam, jeweils ein paar alte russische panzer, die zuhauf in der landschaft herumliegen, aufeinanderzuschichten und mit teer eine strasse darüberzulegen.            [lh] –> krieg und frieden; landschaftsgestaltung; kunst am bau

 

Papierfasern 

Papierangiessen 

Papierentsäuerung

bis ins 19. jahrhundert hinein war papier ein handwerklich hergestelltes qualitätsprodukt. als rohstoffe dienten lumpen, die zu dem dauerhaften hadernpapier verarbeitet wurden. im zuge der industrialisierung wurde 1805 die harz-alaun-leimung erfunden sowie 1844 holz als neue rohstoffquelle erschlossen (so die gängige technische erfolgsgeschichte). das ab etwa 1850 industriell gefertigte papier mit dieser neuen leimung ist jedoch sauer und zerfällt nach ungefähr 150 jahren. erst 1962 wurde eine neutrale leimung als ersatz für die saure harz-alaun-leimung gefunden. allein in der schweizerischen landesbibliothek und im schweizerischen bundesarchiv lagern heute rund 3000 tonnen säurehaltige dokumente. 1990 haben sich die beiden nationalen institutionen zusammengeschlossen und gemeinsam den bau einer schweizerischen anlage zur papierentsäuerung initiiert. als standort wurde ein ehemaliger armeebetrieb in wimmis (berner oberland) ausgesucht. die armee ist zwar primär ein instrument der sicherheitspolitik, konversionen können in der rüstungsindustrie aber vorkommen: die eidgenössischen rüstungsbetriebe dürfen zur wirtschaftlichen nutzung ihres industriepotentials sowie zur erhaltung von arbeitsplätzen auch in zivilen bereichen tätig sein. die pulverfabrik wimmis hat nun also den auftrag erhalten, in grossem umfang archivmaterial zu konservieren, was für den chemiebetrieb eine artverwandte tätigkeit ist, da sowohl pulver als auch papier cellulose als ausgangsmaterial haben.   [lh] –> konversion; panzerbrücken; multifunktionalität; gemeinsamer nenner

Papierspalten

 

Pardon

«(Dies) ist der Ruf des im Gefecht Überwundenen um Scho­nung seines Lebens. So gerechtfertigt die Gewährung des Pardons erscheint, wenn man erwägt, dass das Nieder­metzeln des Einzelnen, der sich mit all seiner Habe dem Sieger gefangen übergibt, eine nutzlose Grausamkeit ist, so zeigt die Kriegsgeschichte doch viele Fälle, wo gegenseitige Erbitterung jeden Pardon verweigert hat.»    [Brockhaus Real-Encyklopädie, 9. Auflage, 1847]

Pataphysik

der gegenvorschlag zu physik und metaphysik. der schlag ins leere. der schlag ins volle. die absenz des schlagens.

wenn paradoxien über sich selbst lachen, weil sie gar nicht existieren. wenn der mensch über paradoxien, das unauflösbare und sich selbst lacht : weil undsoweiter. wenn das absurde sich den bauch hält vor lachen und plötzlich sagt: «war ja schön mit euch, aber ich muss morgen früh aufstehen und zur arbeit gehn».

pataphysik macht sich bemerkbar, wenn nichts einen sinn mehr hat und und ein lächeln sich in den unterhosen breitmacht. oder wenn die socken mit den sandalen tanzen, die fensterscheiben sich auf schlierenwolken ausruhn.

so ist das. oder auch nicht. aber pataphysisch ist es ohnehin. (ich bin mir da nicht so ganz sicher – ich muss da erst noch meine lemuren befragen. (und da muss unbedingt, zur erklärung der lemurenkompetenz, ein bild meiner (sic!) lemurenfamilie hin)      [lit.: claude levi-strauss: traurige tropen, das wilde denken, das rohe und das gekochte (mythologien)] ® [mvs: 030429] –> fahrrad, velo, bicycle usw.; PETA

 

Patch

Digitaler Flick auf den firmeneigenen Websites zum Herunterladen, wenn wieder mal wieder ein Leck an Com­puter­programmen und in Betriebssystemen entdeckt wurde, vor allem aus der Küche Microsoft! Wer hat schon Zeit, sich immer wieder auf den neusten Stand zu bringen. Und überhaupt: Hier werden Käufer und Kunden von Software dazu benutzt, unreife Programme auszutesten. Weil es so viele Fehler gibt, ist man gezwungen, alle zwei, drei Jahre neue Computer, Betriebssysteme und Programme zu kaufen, und die Testphase kann von vorne zu beginnen.            [ffv 10102003]

 

Patchwork

Ursprünglich aus Mangel zusammengeflickte Einzel-teile unterschiedlicher Machart und Herkunft. Heute aus Überfluss industriell hergestellte, postmoderne Beliebig-keitsmuster, die damit Kundschaft anlocken, weil es für alle etwas an attraktivem Muster hat. Übrig geblieben ist ein Hauch von Erinnerung an die handwerkliche Tradi-tion, das Rustikale und Folk-loris-tische als Mehrwert. Ein Patchwork ist an sich kein eigentlicher Flick, sondern ein Fleckenwerk und damit etwas neu Kon-struier-tes, so wie eine Patchwork-Familie ein neues, familienähnliches Ge-bilde ist, nicht aber eine geflickte Familie. Wer den Unterschied nicht kennt oder wahrhaben will, dem empfiehlt sich eine diesbezügliche Selbsterfahrung.                   [ffv 02012004] –> flicken-familie

PC-Doktor

 

Penis, anscheinend ein ständiges Problem

wenn ein schwächling in den rivalenkampf gezogen wird: oops – sorry, da sind wir in den anderen text gerutscht (siehe popeye, gleich unten) – wenn ein schwächling in den geschlechterkampf gezogen wird, da heisst es ‹geradestehn›. so ist das und über jahrmillionen war es nie anders. aber hier und jetzt geht es ja um geld. und geld macht geil. oder umgekehrt?

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was mich ein bisschen enttäuscht: ‹no side effects›: wenn ich dann schon einen so grossen usw. habe, möchte ich als side effect doch auch noch ein bisschen liebe. oder ist das schon wieder falsch gedacht? wo sind denn die hirn- und herz&seele-wachspillen (und hier mein ich nicht wachskerzen, sondern wachsen, resp. grösser oder einfach mehrdenk oder mehr kompatibel? mehr meer? (schon die sprache ist dem nicht mehr gewachsen, scheints)). was ich sagen wollte: ist ja schon recht, danke – aber wohin damit?            [mvs: 030701] –> disney; darwin; lebertran; popeye; rätsel, ungelöst; spinat; turnverein; robert crumb

 

Perücke

Ætoupet

Pflaster 

Phantombild 

Phantomschmerzen

 

Plagiat

diebstahl geistigen eigentums, da wo der eigene geist sich vergeistigt hat und ohne quellenangabe oder referenz fremdes gedankengut für eigenes ausgibt. besteht denn nicht die ganze welt aus plagiaten, aus gesunkenem und aufgestiegenem kulturgut, aus hybriden, die niemandem mehr zuzuordnen sind, von so manchen verinnerlicht und wieder veräusserlicht? wir haben alles gelernt oder gelernt bekommen, sozialisation nennt man das, kulturelle prägung, primarschule, persönliche auswahl. jeder ein fälscher, hochstapler, flickmeister, oder: wie sind 100% fremdanleihen auf originelle art neu zu kombinieren? «Und wir neigen dazu, ehrliche Dar-stellungen so zu sehen, als fänden sie ohne Absicht statt, als seien sie vielmehr ein Produkt unbewusster Reaktion des einzelnen auf die tatsächliche Situation. Kunstvoll aufgemachte Darstellungen halten wir dagegen gern für mühselig, aus zahlreichen falschen Einzelheiten zusammengezimmert, da die Realität fehlt, auf die diese Einzelheiten die unmittelbare Antwort sein könnte.»             [lit.: erwing goffman: the presentation of self in everyday life] ® [lh]

 

Plattenhausbau

In den 1970er bis 1980er Jahren wurden in Russland sehr viele 9- bis 12-stoeckige Plattenbauhaeuser gebaut. Und sie waren ueberall gleich: von Sankt-Petersburg bis Wladivostok. In jeder Stadt gibt es Stadtteile, die sich aehneln wie Zwil­linge.

In dieser Zeit war es sehr schwer Baumaterial zu finden oder es frei zu kaufen. Deshalb versuchte jeder Arbeiter alles Moeg­liche auf den Baustellen fuer sich selbst zu klauen (um die eigene Wohnung zu renovieren oder eine Datscha zu bauen). Aus dem übriggebliebenen Material wurden dann die grossen staatlichen Haeuser gebaut. Klar, da die Bauqualitaet so schlecht war, dass die Haeuser nach 5–6 Jahren wieder fast kaputt waren: die Kacheln oder der Putz an den Haeusern draussen war weg, die Risse in den Waenden waren so gross, dass das Regenwasser mit Leichtigkeit ins Zimmer kam und einzelne Wandstuecke (so gross, wie eine Wand im Zimmer) sich nicht mehr halten konnten und fast aus dem Haus fielen.

In der naechsten Phase wurden die neuen Platten­bau­haeuser repariert. Die kaputten Waende wurden aussen mit einem gelben Schaum versehen und die Wandrisse zugeklebt. Manchmal wurde der Schaum noch mit silberner Farbe ueberstrichen, damit man das gelbe Flickwerk nicht so stark sehen sollte, manchmal auch nicht.

Und so stehen diese Haeuser in ganz Russland bis heute, wie ein Denkmal fuer die sowietische Baustelle.

In der sowjetischen Zeit entwickelte sich auch bei ganz normalen Alltagsgegenstaenden ein grosser Flickinstinkt. Aus dem Mangel heraus (es war problematisch etwas Neues im Geschaeft zu kaufen) mussten sehr viele Menschen ihre alten Sachen selbst reparieren: zerbrochene Tassen, Untertassen, Kannen, Teekannen, Glaeser, Vasen, Taschen, kaputte Stuehle, Tische, Regale, Messer, Gabeln, Loeffel, Telefon mit Hoerer, und sogar Plastiktueten – alles wurde zu neuem Leben erweckt und noch 10, 15, 20 Jahre weiter benutzt. Und auch jetzt, wenn man irgendeine Familie besucht und sich in deren Wohnung gut umschaut, kann man solche Sachen immer noch finden und sehen.   [oksana stogova, 2003]

 

plätzeln

 

Pleiten, Pech und Patzer

Inwiefern hat für Schauspieler das Theater etwas zu tun mit einem Flickwerk? Einige Schauspieler des Fauteuil-Theaters Basel gaben mir bereitwillig Auskunft zu diesem Thema. Für Hans* besteht das Flickwerk des Theaters darin, dass man Szene für Szene zusammensetzt, bis sich ein Ganzes ergibt. Erich* sieht sich beim Einstudieren einer Rolle mit einem Flickwerk konfrontiert. Wenn er beispielsweise wisse, wie eine Figur esse und trinke, spürt und weiss er sehr viel von dem Menschen, den er darstellt. Seine Inspirationen sammelt er im Alltag. Das Patch­work aus allen erfassten Anregungen zieht er sich nach und nach an, bis es zu einer zweiten Haut wird. Martine* bedient sich der Sprache, schafft sich die nötige Distanz, beobachtet die Menschen und probiert im Alltag aus, um sich auf eine Rolle vorzubereiten. Ihr fallen zwei klassische Ratschläge ein, die Schauspieler durch Schulen, Literatur oder alte Hasen erhalten, um bei Pannensituationen und unvorhergesehenen Vorfällen gut zu reagieren: Bei einem Lachanfall müsse man an einen ganz tiefen Klavierton denken. Bei ihr allerdings nütze das nichts. Zudem solle man die Gesamtsituation immer im Auge behalten, um natürlich improvisieren zu können. Erich zitiert seinen Meister, der gesagt habe: «Auf der Bühne gibt es keine Fehler». Er findet das genial, weil es seiner Ansicht nach eine «theatralische» Realität gibt, die jeden Abend neu entsteht. Jeder Tag sei neu und einmalig. Theaterpannen könne man für ein authentisches Spiel benutzen. Im TV wiederhole man einfach die Szene, bei Life­aufzeich­nungen existiere eine Sicherheits­auf­zeich­nung. Über ihre schlimmsten Pannen sprechen die Schau­spieler nicht gerne. Hans nennt ein totales Blackout, was ihm schon öfter passiert sei. Martine meint, sie hätte noch keine richtig schlimmen Pannen gehabt; nur amüsante, die einen zum Lachen bringen. Sie beschreibt folgende Situation: «Bei einem Bühnenkuss eines Kollegen auf einem Sofa, musste ich hochschrecken, weil seine Mutter die Bühne betrat. Dabei habe ich aus Versehen das Knie hochgezogen und ihm so ziemlich unsanft in die Weichteile getreten. Der Bühnenkollege bekam keine Luft mehr und ich konnte vor Lachen nicht mehr sprechen.» Erich hat einen Albtraum: Er hat den falschen Text gelernt, das falsche Kostüm angezogen und ist im falschen Theater – da erwache er schweissgebadet. *Namen geändert.            [rg]

 

Plombe

 

Politur

 

Popeye the sailor

wenn ein schwächling in den rivalenkampf gezogen wird: da braucht es einen aufbesserungsflick (binätsch = eisen!) – sonst gibt es nur wieder einen antihelden. nichts da bei popeye: spinat (spinach) ist die lösung: und alle kinder sollen dann auch spinat essen, dass sie so stark und gesund wie popeye werden.

diese lebenstauglichkeitsmodelle ziehen nie in betracht, dass das leben mit dem tod endet, mit wie viel gesundheit er auch verzögert wird. was muss ich essen, dass ich im tod stark bin (oder, etwas einfacher: wie ernährt sich die ‹schöne leich›)?

((«marmor stein und eisen bricht, aber unsere liebe nicht» : viele kinder können das eisenlied singen, im brechen. was spinat und liebe miteinander zu tun haben, muss man popeye und das späte abendland, western style, fragen. (und noch ein aside: warum ist «kotz» ein so wunderschön stimmiges wort? ich kann sofort mitsingen und mitschunkeln, wo immer, wann immer.))) [mvs: 030211] –> disney; lebertran; schifffahrt; schöne leich; rätsel, ungelöst; spinat; turnverein

 

Polizei: Polizisten als Prügelknaben

artikel TA: die armen polizisten werden immer häufiger notgeflickt von renitenten aufgerührten. autorität im konflikt: eine schnittige uniform reicht nicht mehr aus: denken, und wenn man das jetzt umdenken nennen könnte, wären wir ja schon im zeitalter der doppelten aufklärung : einmal hin und einmal zurück und dann endlich mal irgend wohin. (aber bitte nicht nochmals in die gegenaufklärung!)             [lit.: Tages-Anzeiger Zürich] ® [mvs] –> popeye; spinat; turnverein; jugend

 

Postkarten (Land­schafts­verklä­rung) : Verklärte Landschaften (Ideale Topien)

ideale topien aufgrund von real existierenden topien, «topieklitterungen» könnte man sie beinahe nennen, werden in allen städten und orten der welt angeboten. der postkartenverkauf ist nach wie vor ein blühendes ge­schäft, weil sie kein ersatz für die selbstgeschossenen fotografien sind, sondern das idealbild, rundum schön, liefern. leitungsmaste, hässliche gebäude, menschen, die ungeschickt ins bild laufen – das alles ist weggeflickt. zum flickwerk im erinnerungsgefüge werden sie dann späterhin hilfreich sein.

dass der himmel – mit oder ohne sonnenuntergang – dann auf der ganzen welt gleich schön aussieht, stört nicht, sondern bestätigt um so mehr: «da ist es schön». [mvs: 020613] –> flurschaden; redundanz

 

Präventivflick

 

prophylaktisches Handeln

In der volkskundlichen Museumspraxis werden immer wieder mal die Sammlungslücken von damals bemängelt, welche die Anschauungsdefizite von heute offenbaren. Uns geht es weniger darum, in dieser Ausstellung ein Korrektiv zu einer vernachlässigten Sachforschung zu verorten, denn man kann sich auch fragen, ob die ubiquitäre Sammlerei auch wirklich sinnvoll ist. Die Produktion an Gütern ist heute so ungemein gross, dass jede Sekunde Museen gefüllt würden an Neu-entwick-lun-gen auf verschiedenen Gebieten. Erstaunlicherweise hält sich das Interesse der Menschen an den technischen Errungen-schaf-ten, sofern sie denn überhaupt abbildbar und damit musealisierbar sind, in engen Grenzen. Lieber orientiert er sich an dem, was noch einigermassen verständlich ist und visualisiert werden kann, oder eben an dem, was historisch abgehangen ist und eine gewisse Patina hat und deshalb eine Sehnsucht evoziert, die es in der imaginierten Form gar nie in dieser Form gegeben hat, also blosses Konstrukt aus der heutigen Befind-lichkeit darstellt.

So ist der Prozess der Flickens an sich nichts Neues, sondern verweist auf ein kulturell kodiertes Handeln, das die Funk­tionalität in den Vordergrund rückt. Es zeigt aber auch auf, wie anfällig auf Stillstand eine Welt ist, gerade weil sie existiert. Jedes Ding, jedes Lebewesen muss mit Unerwartetem rechnen, mit kleinen und grossen Kata­strophen, die einen Per­spektiven­wechsel verlangen. Oder anders gesagt: die Benutzung von Din­gen unterliegt dem Verschleiss. Es gibt kein perpetuum mobile.

Flicken ist also ein Konzept, das im soziokulturellen Handeln grundsätzlich bereits angelegt ist, es ist bloss eine gegenläufige Perspektive des Produzierens, selbstverständlich abhängig vom Kulturethos, von der Mentali­tät und der wirtschaftlichen Kaufkraft.

Unterschiedlich zu früher ist möglicherweise eine anderer Aspekt. Früher trat der Zwang zum Reparieren erst nach einer gewissen Zeit der Nutzung ein. Es war Teil einer Laufbahn der Dinge im Gebrauch. Aufgrund der Komplexität heutiger Systeme funktionieren diese heute nicht (mehr) vom Reissbrett weg. Sie können erst im realen Betrieb wirklich implementiert werden. Das Flicken ist deshalb an den Beginn einer Laufbahn vorgerückt. Instandstellung meint heute somit vermehrt erstmalige Installation (vgl. Cobra-Trams in Zürich).             [ffv 13022003]

 

Prophylaxe

in der medizin ist es zu dem zauberwort geworden, das auch arschspaltenfalten hinwegzaubert. der tod ist ein ungeliebter kamerad, der, wenn er auch sehr gerecht alle gleichmacht, auch alle sehr ungerecht gleich dumm macht. (das ist etwas ungerecht gleichmacherisch gesagt – aber ich bin ja nicht der tod. und die gscheiteren wissen es ja eh besser, also machts auch wieder nichts.)             [mvs: 030619] –> trau, schau wem; beresinalied; gscheit

 

Prothese

Prothesen sollen Funktionen des Körpers ersetzen. Dahinter steckt ein mechanistisches Körperbild: l’homme machine. Land­läufig werden vor allem künstliche Extremitäten unter dieses Rubrum subsumiert (z.B. Beinprothese nach Kriegs­invali­dität, Contergan-Prothese mit Greifarmen). Als Prothe­sen sind aber auch in den Körper eingebrachte mechanische Teile zu verstehen (Bypass, Linse, Herzschrittmacher, Neurostimulator, Implantate für Zähne oder Brust, bioartifizieller Pankreas etc.). Als Ersatz für einen nicht mehr funktionierenden oder amputierten Körperteil unterliegen die Prothesen, resp. das Fach­gebiet der Prothetik, der technischen Innovation. Dabei sind nicht nur die Verkleinerungen auf das entsprechende Körper­mass entscheidend, sondern auch die Nahtstellen zum menschlichen Organ, das die Impulse übernimmt oder weitergibt. Diese Anschlüsse zwischen organischem und anorganischem Material gelten als die Hürden der Mikromedizin. Auch wenn das Künstliche (z.B. ein Kunstauge) zwar ein ästhetisches Problem löst und sich der Mensch dank der Prothese wieder unter die Menschen traut (dieser soziale Dienst/das verbesserte Selbstwertgefühl wird stets bei Brustimplantaten erwähnt), heisst das noch lange nicht, dass auch die Funktion des Ersatzes wiedererlangt wird.

Nicht in jedem Fall sind technische Möglichkeiten aber auch kulturell gleichwertig, wie die Debatte der letzten Jahre um das Cochlea-Implantat (CI) zeigt. Das Cochlea-Implantat ist eine Neuroprothese, die als winziges, technisches Wunderwerk Beachtliches leisten kann. Da die empfindlichen Haarzellen in der Schnecke des Innenohrs (cochlea) bei diesen Patienten zerstört sind – entweder auf Grund angeborener Fehlbildung, durch zu viel Lärm, Hörsturz, Schädeltrauma, Vergiftungen oder aufgrund eines totalen Hörverlusts als Folge einer Meningitis –, wird dieser Ausfall an Haarzellen künstlich er-gänzt. Das Implantat ist ein Stimulator, der akustische In-formation über ein Mikrofon aufnimmt und in ein Muster elektrischer Signale umwandelt und diese über die ins Innenohr implantierte Elektrode dem Hörnerv weiterleitet. Die winzigen Elektroden in Form eines biegsamen Drahtes in der Schnecke vermögen die Hörnerven an mehreren spezifischen Stellen zu stimulieren. Der äussere Teil der Hörprothese besteht aus einem Hinter-dem-Ohr-Gerät, in dem ein Mikrofon steckt, und einem Taschengerät mit Sprachprozessor, der die akustischen Informationen verarbeitet. Die Technik basiert darauf, dass jede Frequenz in der Cochlea einen bestimmten Platz hat, an den die akustischen Signale elektrisch weitergeschickt werden. Diese technische Erfindung stellt für die Integration und Normalisierung vor allem für die Mediziner, Eltern, Pädagogen und Spätertaubte eine enorme Errungenschaft dar, während sich von Geburt auf Taube dazu ablehnend gegenüberstellen.

Bis zu einem bestimmten Grad können Menschen, die von Innenohrtaubheit betroffen sind, mit dieser Prothese wieder hören und verstehen. Das CI eignet sich für Menschen, die sprechen gelernt haben, bevor sie ertaubt sind. Ausserdem ist es für kleine Kinder geeignet, die ohne Gehör zur Welt gekommen sind. Von Geburt an tauben Erwachsenen kann die Prothese im Nachhinein allerdings nicht helfen. In Dis­kus­sions­foren wird kritisch postuliert, dass Menschen, denen bereits vor Sprach­erwerb der Hörsinn fehlt, bzw. die nur eine stark eingeschränkte Hörfähigkeit haben, alternative, visuelle Wahr­nehmungs­strategien entwickeln und auf die Gebärden­sprache zu­rück­greifen sollen, die ihnen die Möglichkeit einer umfassenden und entspannten Kommunikation bieten. Darüber hinaus schätzen und verteidigen diese CI-KritikerInnen die visuell ausgerichtete Gehörlosen­kultur mit ihren besonderen Umgangsformen, dem Vereinsleben und Veranstaltungen wie Gehörlosen­theater, Erzählwett­bewerben, Gebärdensprachpoesie usw., die sie durch den medizinischen Eingriff bedroht fühlen und als Angriff auf die Gehörlosenkultur taxieren. Der operative Eingriff empfinden sie als Anbiederung an die Welt der Hörenden.

Nebst den physikalischen und medizinischen An-eignungs- und Abstossungsprozessen sind auch die kulturellen Überlegungen interessant, wie man zum Fremden im eigenen Körper steht. Ein mechanisch-elektronischer Fremdkörper ist als In-dustrieprodukt wertefrei; er hat als Instrument keine Identität. Anders aber, wenn ein fremdes Organ in meinen Körper eingesetzt wird und lebenswichtige Funktionen übernimmt: Ist ein fremdes Herz mein Herz? Heisse ich noch gleich? Würde auch ein Schweineherz eine gute Pumpe sein? Kultur-geschichtlich spannend ist das Transplantationswunder durch Kosmas und Damian, häufig dargestellte und somit weit herum verehrte, christliche Ärzte im vorderen Orient, wie die legenda aurea berichtet. Einem Mohr wurde ein Bein amputiert und einem gangränösen Kirchendiener angesetzt. Während die Am-putation chirurgisch an sich ein relativ einfacher Vorgang war, war das Ansetzen aufgrund der unmöglichen mikrochirurgischen Vernähungen von Gefässen und Nerven bis in die Neust-zeit nicht erfolgreich. Die angebliche Bein-ver-pflan-zung, die im 15. bis 17. Jh. öfters und bezeichnenderweise bloss im Westen dargestellt wurde, hat aber über den medizinischen Aspekt hinaus eine kulturelle Dimen-sion. Nicht nur wird hier das rassistische Vorurteil einer harten Prüfung unterzogen (das gesunde Bein eines soeben gestorbenen Schwarzen am Weissen), sondern auch die religionsethische Frage diskutiert, ob denn das Bein eines Heiden für einen christlichen Kirchendiener gestattet sei. Impliziert ist damit auch der unterschiedliche soziale Stand: auf der einen Seite der gewöhnliche Mensch, ja Aussen-seiter, auf der andern Seite der von Gott Auserwählte. Das Wunder kann also durchaus als medizinische Realität, ja ärztliches Motto gelesen werden, das keine rassischen oder religiösen Unterschiede macht; es zählen allein Blutverträglichkeit, eine intakte Physiologie und andere messbare Para-meter, nicht aber xenophobe Zuschreibungen oder eine personelle Identität der Spenderperson.             [ffv 30122003] –> gehilfe, gehhilfe

 

Provisorium

 

Prügelstrafe

 

Puppenklinik

Hat die Sascha-Puppe ein Bein verloren, spielte das Mädchen Coiffeur oder klemmte der Teddy sein Ohr in der Tür ein: der Puppendoktor kuriert die geliebten Be­gleiter der Kinder – und die wertvollen Stücke von Samm­lern. Puppen kennen viele Leiden. Fehlende Gliedmassen und Finger, beschädigte Augen und Wimpern, von Motten weggefressene Haare, zerschlagene Porzellanteile und allgemeine Alterserscheinun­gen sind die wesentlichsten Beschwerden, die Puppen­doktoren kurieren. Für die Krankheitsbilder gibt es verschiedenste Ur­sachen. Neben den natürlichen Ver­schleiss- und Alters­erschei­nungen tragen auch unsachgemässe Lagerung oder falsche erste Hilfe bei Unfällen dazu bei, dass die Kliniken aufgesucht werden müssen.

Die Doktoren versuchen bei ihrer Arbeit, die Flicken so originaltreu wie möglich anzufertigen. Der Eingriff erfolgt nur bei erkrankten Stellen, Ganzkörper-Kurie­rungen werden nur nach Absprache mit dem «Vormund» vorgenommen.

Um Kindern den notwendigen Abschied für die erforderliche Behandlung zu erleichtern, haben einige Kliniken Krankenbetten für ihre Patienten eingerichtet. [rg] –> teddybär syndrom

 

Putzsucht, Frühjahrsputzete

die vorstellung (bis hin zum wahn), etwas immer wieder in den idealen ausgangszustand zurückzuführen zu müssen, obwohl der alltag, die lebensbedingungen am genauen gegenteil arbeiten. das leben scheidet aus in den fluss der veränderung (panta rhei): nichts bleibt dasselbe, auch wenn es so scheint.

der king of cleaning ist nicht unerwarteterweise in diesem wahn ein mann und keine frau: schliesslich richtet sich die werbung (streng heterosexuell) an die frauen (die ja auch den dreck aufwischen sollen): ‹mr.proper›, ‹der weisse ritter› (der weisse ritter auf einem schimmel daherstürmend, mit eingelegter putzlanze: wer diese wer-bung erfunden hat, hat gute kenntnisse vom erotischen klavier) – empfohlene musik zum putzen: elvis ‹the pelvis› presley!

(das ist ein eigenständiges unterkapitel: wer hört zum putzen welche musik: dieses antörnende, erotisierende, dem stumpf- und feinsinn der alltagsästhetik sinnverleihende und das staubsaugergedröhne überscheinende, zwischen pflicht und wahn angesiedelte getöse während man zwischen ‹suche nach der verlorenen zeit› und ‹desastres de la guerra› hin und her pendelt: was ich jetzt sagen wollte, ist: ich bin der frauenemanzipation (und meiner eigenen) zu dank verpflichtet: putzen (ver-)führt in wunderliche daseinsecken.)

seltsam ist höchstens, dass mir der ‹gilb› immer sympathischer war als der ‹bio›. diese reinemacher haben immer einen beigeschmack von faschismus und wissen zu genau, was zu tun ist.

so lustig wirds, wenn ich, als putzunsüchtiger, dann bemerke, dass die putzmittel staub angesetzt haben und ich die putzmittelbehälter reinige. [mvs: 030422/030826] –> reinigungsmittel; mr.proper; der weisse ritter; marcel proust; goya; faschismus; ideal; fehlerfrei; korrektur; unschuld; pabst; urbi et orbi; ostern; kreuz