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Landkarte einer Mutterliebe «Unser Vater hatte viel Sorge, bis die Mäuler von uns sechs Kindern gestopft waren, und die Mutter hatte viel Arbeit und Mühe, bis die Löcher in den Hosen zugeflickt waren. In einer bunt geflickten Hose mußte ich 1914 zur Schule gehen. In der Pause hatten mich meine Mitschüler wegen meiner bunt geflickten Hose gehänselt und ausgelacht. Ich war schwer gekränkt, die Tränen liefen mit über die Backen. Nach der Pause wir hatten gerade Religionsunterricht wurde der Herr Pfarrer auf meine Tränen aufmerksam. Ich erzählte ihm, wie es mir ergange n war. Der Pfarrer hielt vor der Klasse folgende Ansprache: ‹Liebe Kinder, solch eine geflickte Hose von dem Jungen, den ihr in der Pause ausgelacht habt, ist die Landkarte einer Mutterliebe. Jeder Fleck bezeugt die Hingabe einer Mutter an ihr Kind. Wer eine solche Landkarte besitzt, kann sehr stolz auf seine Mutter sein.› Von nun an hatten meine Mitschüler großen Respekt vor mir.» [Gustav Götz: Die Hose mit den bunten Flicken. In: Paul Löcher (Hg.): Wie’s einstens war zu unserer Zeit. Ostfildern 1980, 65] Die Hingabe der Mutter war aber doch zweischneidig, denn gemäss bürgerlichem Leistungsauftrag, kolportiert in der Ratgeberliteratur, galt es, Textilien ohne erkenn-bare Spuren zu flicken, was aufgrund der Sorgfältigkeit unweigerlich mehr Zeit beanspruchte. Was man aber nicht sah, konnte auch nicht (positiv) vermerkt werden. Mit diesem Anspruch machte man Haus-frauenarbeit unsichtbar; die Frauen verschwanden hinter ihren Tätig-keiten, woraus sich dann ketzerische Fragen entwickelten, was sie denn den ganzen Tag wohl so tun würden. [ffv 12022003] Laufgitter von kinderhabenderseite wird dementiert, dass kinderlaufgitter mit knast vergleichbar sind. nun ja: es ist tatsächlich schwierig zu entscheiden, wer durch das laufgitter von wem geschützt wird und wem es zu nutzen ist. da die laufgitterkinder sich ja meistens noch nicht in wohlabgewogenen sätzen formulieren können (aber schon: circa brüll), besteht die tendenz, dass die wortgewaltigen eltern die situation plausibel als von grösstem gewinn in sachen selbstschutz des kindes vor dem kinde (=sich selbst) unwidersprochen erklären können. assoziationen darf man nicht unbedacht vertrauen schenken: seltsam ist mir aber, dass mir scheint, dass katharina die grosse den gebrauch der daumenschraube in der folter zum wohle der nation = des volkes etc. in ähnlicher einleuchtigkeit erklärt hat (= lampe aus!). soviel zu aufklärung und gegenaufklärung: die annahme, dass kinder, kaum sind sie freilaufend (freilandhaltung), sich zum nächsten fenster hinausstürzen oder im backofen garen (hänsel & gretel), scheint mir bei eltern weiter verbreitet zu sein als bei laufgitterkindern. die märchenwelt geht sprachfähigen durch mark und bein, weil sie sich an die laufgitterzeit erinnern. was das laufgitterkind erlebt, kennen wir nur vom hören ohne sagen. wenn ich die sagen der sprachlosen hören kann, dann nennt mich kaspar hauser und bringt mich um.
nighty night, my lovely the moon is bright the night is calm
we can’t say that of lobsters they’re chopping off just vice and versa their lovely chopping claws
why should we worry since we are not gifted with such talents
the other thing is that we are still living with our parents
(who’s making all those laws!) [mvs: 030619] > turnverein; gesundheit; eltern; jonathan swift; schlaflieder
Lebensretter
Lebertran lebertran ist DER wintergesundheitspräventivflick mit dem geringsten sonneneffekt: ganze generationen werden heute noch bleich, wenn sie an die tägliche tortur von november bis märz denken von strahlen keine spur. [mvs: 030211] > turnverein; gesundheit; prophylaxe
Leck Ein grosses Leck lässt sich auch mit der auf See üblichen Methode, dem Ausbringen eines Lecksegels, abdichten. Hierfür eignet sich am besten ein Vorsegel, aber das haben ja nur Segler gebrauchsfähig zur Hand. Auf anderen Booten kann man natürlich auch eine möglichst dicke Wolldecke o.ä. dazu benutzen. An den Enden der Decke werden kräftige Leinen befestigt, an denen sie unter das Boot herabgelassen und über die Leckstelle gezogen wird. Das Wasser drückt diese an die Aussenhaut, und da durch das Gewebe ja nur eine beschränkte Wassermenge dringen kann, wird die Leckwassermenge erheblich reduziert. Hat das zu reparierende Fahrzeug eine Gummihaut, wird diese wie ein Fahrradschlauch geflickt. Faltboothäute aus PVC werden durch Aufschweissen von Flicken gedichtet. [Taschenbuch für Wassersportler] > schifffahrt; leck; herft
Lecks, lokalisieren eines Die meisten Boote haben Wasser in der Bilge. Die Zusammensetzung des Wassers kann Aufschluss über den Zustand des Bootes geben. Ein Teil des Wassers wird sicher durch das Deck, Cockpit oder Persenning eingedrungen sein, aber wenn der Rumpf stark leckt, wird eine grössere Menge sauberen Wassers in der Bilge stehen, das in Mündungsgebieten und am Meer salzig ist. Oft zeichnen sich auf der Kajüteneinrichtung, den unteren Schottabschnitten und der Wegerung am Kimmknick eine oder mehrere Wasserstandsmarken als Flecken ab. Die Suche nach dem Ursprung kleinerer Mengen einsickernden Wassers ist oft sehr mühsam und kann die Mannschaft mehr zermürben als das Leck selbst. Wenn man das Leck gefunden hat, kann man es nur in wenigen Fällen ausschliesslich von der Rumpfinnenseite aus erfolgreich dich-ten. [Buchanan, George: Das Handbuch der traditionellen Bootsreparatur, 2002] > schifffahrt; leck; herft
Lecksegel auf (segel)schiffen mitgeführtes segel zum dichten eines leckes. Æschifffahrt; leck
Lecksuchspray Das Produkt (400 ml Dose) eignet sich zum Auffinden undichter Stellen an allen Leitungen, die unter Druck stehen. Es ist bestens geeignet für Gas-, Brems- und Hydraulikleitungen. Eine starke Schaumbildung zeigt undichte Stellen an. Der Spray ist hautverträglich, toxikologisch unbedenklich und umweltfreundlich. [ffv 28122003]
Leiche, Instandsetzung. Zunähen der Leiche. «Wie schon betont, muss die Sektion in der Weise vorgenommen werden, dass jede Entstellung der Leiche vermieden wird, und die Angehörigen auch noch nach der Sektion die Leiche ohne jeden Anstoss besichtigen können. Hierauf wurde bei der Anlegung der Sektions-schnitte schon Rücksicht genommen. Es ist zur Er-reichung dieses Zweckes die sorgfältige Instandsetzung der Leiche nach der Sektion unbedingt notwendig. […] Ist bei der Sektion der Becken-boden (Anus, Vulva) mit entfernt worden, so ist es notwendig, auch diese Öffnung durch feste Naht zu schliessen, andernfalls genügt es, wenn das kleine Becken mit etwas Holzwolle, Torf oder Sägemehl ausgestopft wird. […] Nicht selten müssen wir bei der Sektion Teile entnehmen und wegen wichtiger pathologischer Veränderungen zurückhalten, deren Entfernung eine Entstellung der Leiche bedingen würde, wenn wir nicht für Ersatz sorgen. Das trifft insbesonder für das Schädeldach zu. Hier ist der einfachste Ersatz dadurch zu erzielen, dass man über der mit etwas Vaselin eingefetteten Schädelkalotte mit Gipsbinden einen Gips-abguss herstellt, diesen, sobald er fest geworden ist, an Stelle des Schädeldaches aufsetzt und durch einige weitere feuchte Gipsbinden fixiert. Heraus-genommene Knochen werden leicht durch Holzstücke ersetzt, die durch Bohrlöcher und Drähte fixiert werden können. Ebenso kann die ganze Wirbelsäule ersetzt werden durch ein Holzstück, das fest in das Hinter-hauptsloch eingekeilt wird und andrerseits durch ein Bohrloch im Kreuzbein mit etwas Draht fixiert werden kann.» [lit.: Bernhard Fischer, Sektionskurs, 1919] > kaschieren
Leim Namen wie Araldit, Blancol, Cementit, Konstruvit, Pattex, Ponal, Pritt, Uhu sind bloss die illustren Namen an den Rändern eines unermesslichen Leimsees der Liga-menta-Industrie. Egal ob Zweikomponenten-Kleber auf Polymerbasis oder Weissleim auf Basis ausgekochter Tierknochen, jede Zusammensetzung erschliesst neue Anwendungsgebiete mit unterschiedlichen Haftungs- und Dauereigenschaften, und braucht mitunter spezielle Klebstoffentferner. Die Unter-nehmen der Spezialitäten-chemie zwischen Amerika, Deutsch-land und der Schweiz üben sich nicht zuletzt aufgrund ihrer Adhäsionskräfte im gegenseitigen Annektieren: Araldit ging z.B. im Juni 2003 von der Basler Vantico an den amerikanischen Chemie-konzern Huntsman Chemicals. Der Begriff Leim meinte ursprünglich Kalk (lîm; Lehm; Ableitung: Schleim) und bezeichnete eine zum Ver-schmie-ren, Verkleben oder dergl. dienende klebrige Erdmasse. In der Vogelfängerei wurde im Mittelalter die Rute des Vogelstellers mit Leim bestrichen, wovon sich die Redewendung «auf den Leim gehen», später das Verb «leimen» für «mit Leim kleben» ableitet. [ffv 26122003] > klebstoff, collage
Lemma, Lemmata (pl.) das lemma ist der wunderschönste hin-, ver- und ins-leere-führende-weis-flick (ein naseweis sondergleichen und den präriehunden & murmeltieren verwandt): kommt man in die nähe von lemmata, dann pfeift das wachhabende lemma und alle anderen lemmata verschwinden blitzartig in die lücken des textes. der genasführte leser stutzt, die ‹anals› = pinggeligen verdammen die enzyklopädisten und die neugierigen suchen weiter im gebirge oder in der prärie weiter. die freunde der lemmata, die lemmataphilen, seit kindsbeinen vertraut mit dem seltsamen verhalten der lemmata, verhalten sich ruhig (ein schmunzeln ziert oft selbst die gesichter der ältesten lemmatakenner) und beginnen zu wundern, denken, träumen und sich notizen zu machen. dieses verhalten wurde von ferdinand de saussure, ludwig wittgenstein, roland barthes und vielen anderen studiert, beschrieben und analysiert allerdings sind wenig erfolge in bezug auf das paarungsverhalten der lemmata zu verzeichnen. weitere feldstudien liegen zwar vor, zb. von jorge luis borges, aber auch diese dringen nicht in das herz des sozialverhaltens der lemmata vor. frank zappa hat das alles ebensowenig verstanden oder vielmehr missverstanden als er (als hommage an die lemmataphilen?), dichtete und sang: «i have a big dilemma with my big leg emma» wie auch die meisten beteiligten am notorisch berühmten ‹lemmatastreit› mehr: vide ‹lemmatastreit›. [frank zappa] [mvs: 030611] > kopfnote, naseweis, fussnoten, lemmatastreit, selbstreferentiell
Lesehilfe Brillen und Kontaktlinsen kennen wir. Wer selber TrägerIn ist, weiss etwa die Korrektur in Plus- oder Minus-dioptrien. Allenfalls kommen noch bestimmte Schliffe für Hornhaut-verkrümmungen etc. dazu. Wenn es aber darum geht, etwas zu lesen, kommt es auf Inhalt und vor allem auf die Form des Geschriebenen darauf an, ob man weiter liest oder forfait gibt. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Lisibilität. Diese ist abhängig von formalen Aspekten wie der Schrift-grösse, der Laufweite, der Anzahl Zeichen pro Zeile, des Zeilenabstandes oder des Kontrastes zwischen Text und Papier. Sehr wichtig ist allerdings die Schrift selber. Während Zeitungen durchgehen Serifenschriften gebrauchen die Füss-chen garantieren mehr Lesefluss, weil sie faktisch eine Kurrentschrift imitieren , werden in technischen Publika-tionen oder für Titeleien eher serifenlose Groteskschriften verwendet. Mit mechanischen Schreibmaschinen hatten wir noch unsere liebe Mühe, weil sich immer wieder die Typen ineinander verkrallten, obwohl doch die Anordnung der Buchstaben auf der Tastatur schon seit der Zeit der grossen Schreibkontore um 1900 so auseinanderdividiert wurden, dass sich häufig vorkommende Buchstaben kaum nebeneinander finden und so ein Ineinander-geraten der Typen verhindert werden sollte. Doch nicht nur der Fixabstand der Buchstaben man spricht von nicht-proportionalen Schriften ergab ein z.T. löchriges Schriftbild, sondern auch die mechanische Beanspru-chung einzelner Typen; man denke an das e, das öfters scheps über der Zeile lag und dessen Binnenraum, die Punze, ständig mit Fusseln gepfropft war. Elektronische Satzschriften sind frei von solchen ästhetischen Zufällen, weshalb sich Schriftmaniacs dieser typografischen Kuriositäten annehmen und derartige Schriften, denen, weil sie aus Amerika stammen, meist die Sonderzeichen wie Ä, ç oder û fehlen und somit in sich wieder defekt, gelinde gesagt: unvollständig sind, bewusst herstellen. Die Schriften haben dann sprechende Bezeichnungen wie Armenschrift, Dippex, Dislexi, GrossAkzidenzFucked, Hermes, Trixi, Uncletypewriter etc. Für dieses Buch, das dem Flicken gewidmet ist, darf m.E. auf solche Typo-Möglichkeiten zurückgegriffen werden. Dass sie sich der gewünschten Lisibilität widersetzen, auch wenn es sich hier vornehmlich um konsultierende Texte (Enzyklopä-die) und nicht um Lesetexte (Literatur) handelt, ist zu erwarten, ja beabsichtigt. [ffv 31122003] > gehilfe, gehhilfe
L.H.O.O.Q. wie der ‹marchand du sel›, der salzverkäufer des kunstbetriebs des 20. jahrhunderts, die wertwahrnehmung des humanistischen antiken schönen, guten und quak auf den kopf gestellt hat (oder vom kopf auf die füsse, wie marx zu hegel vermerkte) oder schlicht und einfach viel weniger und gleichzeitig viel mehr zur entwicklung des ‹begriffs› beigetragen hat, ist im ersten moment dem flickwerk an leonardo da vincis ‹mona lisa› nicht abzulesen. nachhaltig wirkt: dass dieser diskurs aufgenommen wurde, und dass das schnäuzchengeflick einen neuen blick auf die abendländische welt ermöglicht hat. dass marcel duchamp sich erwiesenermassen mit den frühen skeptikern auseinandergesetzt hat und davon beeindruckt war, ist belegt. das ist insofern interessant, als die frühen skeptiker sich gegen die aristotelische weltanschauung nicht durchsetzen konnten und unsere (abendländischen) denkweisen dann halt von aristoteles bestimmt wurden und nicht von den skeptikern und es im abendland von okkultismus bis duchamp verschiedenste versuche gebraucht hat, andere erkenntnismodelle (skeptiker, zen etc.) überhaupt wieder denkbar zu machen. von nietzsche, der ein purzelbaum erster güte war, reden wir jetzt (noch) nicht. das war das schnäuzchen. ou mallon & more to follow. [mvs: 020608] > ou mallon; kunst
Lichtenberg Georg Christoph Ein Grab ist doch immer die beste Befestigung wider die Stürme des Schicksals. (D 143) Es ist nicht Lasterhass, sondern Halseisen-Furcht. Oder so: Wer kann in jedem Fall Tugend von Halseisen-Furcht unterscheiden. (D 14) Ich will die Falte in Ihrem Kopf nicht anders brechen, aber ich kann Ihnen sagen, es ist nicht wahr. (F 538) Selbst-Besserung mit Selbst-Klistierung. (F 411) Bei manchem Werk eines berühmten Mannes mögte ich lieber lesen was er weggestrichen hat, als was er hat stehen lassen. (F 998) Ein Vater sagt: der verfluchte Junge macht es gerade so wie ich, ich will ihn prügeln, dass er des Teufels wird. (J 590) Die Menschen, die erst die Vergebung der Sünden durch lateinische Formeln erfunden haben, sind an dem grössten Verderben in der Welt schuld. (J 842) A. Der Mann hat viele Kinder. B. Ja, aber ich glaube, von (den) meisten hat er bloss die Korrektur besorgt. (J 864) Die Menschen haben ihre besondern Manieren zu fehlen; z.B. Hofrat Ebell, zumal liegen die Fehler häufig in einer falschen Art von Genauigkeit. (L 420) Æablass; beichte; erziehung; dummheit
Lobotomie das herausschneiden von hirnlappenteilen zur indirekten kastration von triebtätern wie geht das? [mvs: 030606] > scheintod
Loch
löchrig das erwarten, dass auf texte weitere folgen werden, weil das gerade gesagte löchrig ist, gar nicht anders als löchrig sein kann, wie alle schon geschriebenen texte löchrig sind: dieser wunsch nach mehr ist das eingeständnis eines ‹weniger ist halt auch› und eines ‹noch viel mehr muss es sein›. piär sagte: «ich esse jeden tag, ich will immer wieder essen: ist das jetzt auch ein flick?» vänçi: «genauso, wie man nachher wieder scheisst, was den darm flickt». piär: «genau». das aufrechterhalten eines fortwährenden prozesses ist der genuine ab origine lebensflickblätz: das (simulierte) perpetuum mobile verfügt über ein perfektes schöpferunabhängiges selbstbewusstsein, es ist ein ungeschöpftes ens und das ist doch schon mal etwas ganz leicht jenseits von hinz und kunz (das ist allerdings eine verwegene annahme). [lit.: paul scheerbart: perpetuum mobile] ® [mvs: 030619] > enzyklopädie; erlösungsfantasien, ad acta; jean paul
Luftschutzkeller
Lumpen |51| Amalia. Geh Lotterbube izt bin ich wieder bey Karln Bettler, sagt er? so hat die Welt sich umgedreht, Bettler sind Könige, und Könige sind Bettler! Ich möchte die Lumpen, die er anhat, nicht mit dem Purpur der Gesalbten vertauschen der Blick mit dem er bettelt, das mus ein groser, ein königlicher Blick seyn ein Blick, der die Herrlichkeit, den Pomp, die Triumpfe der Grossen und Reichen zernichtet! In den Staub mit dir, du prangendes Geschmeide! Sie reißt sich die Perlen vom Hals. Seyd verdammt, Gold und Silber und Juwelen zu tragen, ihr Grosen und Reichen! Seyd verdammt, an üppigen Maalen zu zechen! Verdammt euren Gliedern wol zu thun auf weichen Polstern der Wollust! Karl! Karl! so bin ich dein werth [Friedrich Schiller, Die Räuber (1781), 1. Akt, 3. Scene, 51]
Aus Lumpen thut man machen, Des edlen Schreibers Zeug, Es möcht wohl jemand lachen, Fürwahr ich dir nicht leug. Alt Hadern rein gewaschen, Dazu man brauchen thut, [8] Hebt manchen aus der Aschen, Der sonst litt groß Armuth. [Achim von Arnim, Des Knaben Wunderhorn, 2. Band (1808), Würde der Schreiber, 7f]
Caliban. Der scheckige Hanswurst! Du lump’ger Narr! [246] Ich bitte deine Hoheit, gieb ihm Schläge, Und nimm ihm seine Flasche; ist die fort, So mag er Lake trinken, denn ich zeig’ ihm Die frischen Quellen nicht. [William Shakespeare, Der Sturm, übersetzt von A. W. Schlegel (1841), 3. Aufzug,
Die Frau bat, und wies mit den Fingern auf das zerfetzte Bett und die wenigen Scherben in der Küche; die Kinder in ihren Lumpen heulten. O, wenn ich nur wieder weg wäre! dacht’ ich, bezahlte Schätzer und Weibel, und strich mich unverrichteter Sachen fort, nachdem man mir in bestimmten Terminen Bezahlung versprochen, die noch auf den heutigen Tag aussteht. [Ulrich Bräker, Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg (1789), 213]
«Wir sind einer Mühe überhoben,» sagte d’Esterval, als er den Raum verließ. «Welcher denn?» fragte Dorothea. «Diese da zu plündern.» «Wer weiß?» erwiderte eine der Mägde. «Oft schützen [302] solche Lumpen Armut vor, um nicht zahlen zu müssen…» Aber diese hatten nur zu wahr gesprochen; die genauesten Nachforschungen ergaben nur einen Taler. «Entsetzliche Tat!» sagte Justine zu dem Ehepaar. «Gestehen Sie mir, daß das ein unnötiges Verbrechen war!» «Gerade solche sind gut,» antwortete d’Esterval, wenn man das Verbrechen um seiner selbst willen liebt, bedarf es keines Motivs.» [Donatien-Alphonse-François Marquis de Sade, Justine oder die Leiden der Tugend (1797/1904), Justine und Juliette, 301f]
Lumpenschneider Vor meinem Fenster spiegelten sich noch gestern die Pappeln, in dem gelbwelligen Strome, Kähne mit fröhlichen Menschen fuhren auf und nieder. Heute ist er abgelaufen, sein Bett ist voll zerbrochener ägyptischer Fleischtöpfe und [33] anderm Wegwurf; halbnackt wadet seit dem Morgen ein kleiner Junge darin umher und sucht Lumpen. Kaum sind die durch den Lumpenschneider auf die Drahtform gegangen, kaum ist das Papier trocken, so näßt es ein Verliebter mit seinen Thränen und gesteht darauf, der Hochgefeyerten seine innersten Gefühle. Sie geht den Abend auf den Ball zum Eroberungskriege, es fehlt an Papier, der Brief wird in Haarwickeln zerschnitten und geht den folgenden Tag mit anderm Kehricht in den Fluß zurück. Und es wäre noch kein Abderitismus in der Natur? [Ludwig Achim von Arnim, Hollin’s Liebeleben (1802), 32f] |