jammern

jammern, sowohl als psychohygienisch anerkannnte form der seelenpeinentsorgung als auch des in verschiedenen kulturen different aufgefassten ritualisierten vermögens mit tatsachen (dem unvermeidlichem) umzugehen. nicht jeder, der verlust erleidet, nicht jeder, der ohnmacht erleidet jammert. jammer ist der gesang, die gesellschaftlich anerkannte (oder, wenn nicht ritualisiert : verfemte) kunst des flickens am unvermeidlichen, unumgänglichen, katastrophalen, desaströsen.

 

von shakespeare reden: wer immer auch diesem zugeschriebene texte verfasst hat: das konvolut des untergangs (deterioration), des verfalls, des weiterlebens, flickens – naja : was soll ich sagen: shakespeare ist ein flickmeister der englischen kultur geworden : weil das imperium ihn hochgelobt hat als moralinstanz. das müsste man ja auch mal ansehen: so viele eingänglichkeiten (sprache, moral, blah). (und dann nochmals a midsummers night dream lesen.)   [mvs: 030211] –> leben; tod; drama; tragödie; komödie; beichte; ablass

Jean Paul (Friedrich Richter)

aus den heften:

«– es kostet mehr Zeit, auszuradieren als den Fehler zu schreiben.» [38]

«Mir ist als Autor und fast als Mensch jede neue Erfahrung gleichgültig, weil sie doch im Höchsten zu nichts führt und ich nach meinen der Gegenwart abmodellierten Werken nichts suche als Ruhe.» [58]

«Fällt dir bei einer Versteigerung die Allgemeine Deutsche Bibliothek in die Hände so reisse heimlich einige Seiten heraus, du lieferst eine neue um 2 Seiten verbesserte Auflage.» [161]

«Liesse man ein Werk bei einem Autor so lange er lebte, er korrigierte so lange daran.» [207]

 «Wenn ich stark getrunken habe, philosophiere ich viel heller und wahrer als ich dichte.» [565]

«Die grössten Arzneistärkungen helfen (bei Voldern­dorf) nicht so sehr als blosser Wein. – Man halte sich eine Agonie-Bouteille bereit.» [568]

«Träume bringen doch jede Nacht etwas Neues in das täglich mehr sich wiederkäuende Leben.» [603]

«Wie viele alte Briefe hab ich nicht schon gelesen, worin stand: verbrennen sie diesen! [748]

«Die Einsamkeit ist so nöthig, dass man neben einem anderen gar nicht frei denken kann, weil man sein denken sich mitdenkt.» [752]

«Man mus andern Dinge vergeben, die man sich nicht vergiebt.» [764]

«Die Erziehung ist ein Radiermesser, das den Klecks durchschimmern lässt.» [991]

«Die Aufklärung sezet die Fenster ein, die Zensur die Fensterläden.» [1565]

«Wer an eine Seelenwanderung glaubt, kann nicht gute Bücher genug schreiben, damit er künftig, wenn er etwa gerade in seiner jetzigen Wissenschaft dumm geboren würde, doch etwas hätte, womit er sich helfen und bis zum Verfasser heraufbilden kann.» [1604]            [lit.: jean paul. ideengewimmel. hrsg. thomas wirtz & kurt wölfel]

«Man sollte aus allen Journalen die besten Rezen­sionen sammeln und drucken.» [242]

«Gut gehts mir; nur ist mir das Existieren fatal. Man muss ein Gott sein, um die Existenz auszuhalten, vollends die Ewigkeit.» – «Es ist fatal, dass man existieren muss und wider Willen (und ohne gefragt zu werden); man könnte ja eben so gut nichts sein.» [561]

«Im Komischen werde das ausländische Wort beibehalten, seines schnellen Reizes wegen für den Gelehrten – die Übersetzung eingeklammert für Unwissende, welche dann einigen Zusammenhang ersehen.» [676]

«Man muss Freunde haben, an die man zum Briefpapier einen schon an einen andern angefangnen Brief brauchen darf.» [328]

«Das Komische hat das gute, dass man es fortsetzen kann, man mag seine Meinungen über die Menschheit ändern wie man will.» [488]

«Da man überal so viele Irthümer stehen lassen mus, warum nicht über sich auch?» [133]            [lit.: Gedanken / Jean Paul; hrsg. auf Veranlassung der Deutschen Schillergesellschaft Marbach am Neckar von Eduard Berend et al. Weimar, 2000. (Jean Pauls sämtliche Werke. Abt. 2, Nachlass; Band 8.)] –> gwunder

Jeans

Es gibt einige Jeanssammler, die meisten in Japan, weil die auf alles Amerikanische stehen. Für diese zahlungskräftige Klientel werden von Händlern für die Internetbörsen geflickte Jeans möglichst in den Original(defekt)zustand versetzt. So werden neuere Flicken wieder abmontiert, um den originären Schaden wieder sichtbar zu machen. Dass damit die Funktionalität wieder aufgegeben wird, stört weiter nicht, denn die Japaner tragen auch blosse Fetzen. [ffv 10102003] ®
Ægeflickte leben, das; hobby

 

Jim Knopf

«Jim hatte immer ein Loch in seiner Hose und ausgerechnet immer an genau der gleichen Stelle. Frau Waas hatte es schon hundertmal geflickt, aber es war jedesmal nach eine paar Stunden wieder da. Dabei gab Jim sich wirklich die allergrößte Mühe, vorsichtig zu sein. Aber wenn er nur rasch einmal auf einen Baum klettern mußte oder von dem hohen Gipfel herunterrutschte – ratsch –, schon war das Loch wieder da.

Schließlich fand Frau Waas die Lösung, indem sie einfach die Ränder des Loches einsäumte und einen großen Knopf zum Zuknöpfen drannähte. Jetzt konnte man das Loch, statt es zu reißen, einfach aufknöpfen, dann war es da. Und statt es zu flicken, brauchte man es nur wieder zuzuknöpfen.

Von diesem Tag an wurde Jim von allen Leuten auf der Insel nur noch Jim Knopf genannt.»             [Ende, Michael: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer]

Joggeli (,dä), wott ga Birrli schüttlä

das misslingen durch die arbeitsverweigerung durch die ganze hierarchie hindurch und das (ge-)lingen im rückwärtsgang. (auf den sack fliegen: sehr bildlich – aber ich möchte da schon, als untertan, mal scheu fragen: «auf wessen sack denn bitte? und was ist da drin? und was springt für mich raus?») [mvs: 030211] –> revolution, gefängnis(ausbruchversuche); lebertran; interessiert; gwunder; naivität