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Ausstellung im Gewerbemuseum
Winterthur (Mai–Oktober 2004) orientiert sich an mehreren Sachgebieten.
Es sind dies: Gesellschaft/Staat/Religion; Medizin/Medizinaltechnik/ Schönheitschirurgie; Bau/Renovation/Restauration; Mobilität/Urbanität; Flicksachen (Textil, Keramik, Holz, Metall, Papier; Mechanik, Elektronik); Kunstobjekte (Mode, Plastik, Video). Rundgang durch die Ausstellung: siehe Bildergalerie. Allgemein Geflickt wird nicht mehr, sagt man landläufig, es werden bloss noch Teile ersetzt. Doch man könnte von einer Automatisierung der Korrektur reden, weil das Auswechseln von Teilen nach einer bestimmten Zeit der Nutzung fällig wird. Wenn wir genauer hinschauen, sind wir umzingelt von Begriffen, die eine grosse Bandbreite von Flickqualitäten aufzeigen: flicken, reparieren, renovieren, restaurieren, rezyklieren. Vordergründig geht es beim Flicken darum, eine Funktion eines Gerätes zu erhalten. Indem möglichst schnell ein Flicken appliziert wird (z.B. Velopneuflick), kann weiteres Unheil vermieden und somit eine Sache weitergeführt werden. Der Soll-Zustand, seinerseits eher etwas Triviales, ist wieder hergestellt. Flicken ist in der Nomenklatur der Ausbesserung der roheste Begriff, weil er weder Sachkenntnis noch viel Aufwand zu benötigen impliziert. Im Prinzip kann also jeder und jede etwas flicken, wenn auch nicht zu allen Zeiten und von allen Menschen dasselbe. Flicken meint immer das, was man als unmittelbare kulturelle Handwerksfähigkeit kann. Flicken ist damit das ungelernte, ausprobierte, oft provisorische Handeln im Notfall. Nebst diesem notwendigen, also eine Not abwendenden Flicken, geht die Reparatur technisch betrachtet, einen Schritt weiter. Sie versucht nicht bloss eine unmittelbare Instandstellung, sondern stellt etwas wieder her, wie es das Wort ausdrückt (z.B. Zahnreparatur), oder, wie es der Begriff Sanierung impliziert, macht etwas wieder heil. Diese Wiederbereitstellung umfasst eine Analyse des Fehlers und den entsprechenden Ersatz oder eben die Fehlerbehebung am entsprechenden Ort. Weil damit der Kern des Problems gelöst ist, sollte eine Reparatur keine weitere Reparatur nach sich ziehen. Anders im Fall eines Flickens, der/das bloss einen Notbehelf darstellt und wo eine Analyse aufgrund von Zeitmangel oder fehlender Kenntnis nicht gemacht werden kann. Im Sprachgebrauch meint Flicken auch etwas Plötzliches, Unvorhersehbares, relativ Kleines. Eine Reparatur sieht sich bereits mit einem etwas komplexeren Schaden konfrontiert. Einem übrigens auch, den man kommen sieht, der sich ausweiten kann, resp. den man möglichst schnell beheben sollte. Weil ein Schaden auch einen Prozess darstellt, kann man diesen auch zu verhindern suchen: Prophylaktisches Handeln ist vorwiegend kontrollierendes Handeln (z.B. Dentalhygiene oder regelmässiger Körper-Scheck). Nochmals einen Schritt weiter geht die Renovation. Diese Erneuerung zielt jenseits der wieder erstellten Funktionstüchtigkeit zusätzlich auf einen ästhetischen Mehrwert. Hier wird die alte Substanz soweit erhalten, als sie in das ästhetische Konzept eingegliedert werden kann. Bei dieser Verschönerung ist aber der äusserliche Glanz massgebend und nicht unbedingt die eigentliche Funktion. Bei einer Renovation kann also durchaus Stilechtheit vorgegaukelt werden, gerade weil die Oberfläche und nicht die Substanz im Blickzentrum steht. Leute, die renovieren, reklamieren aber für sich in jedem Fall Fach- und Sachkenntnis, zumindest hinsichtlich der Oberfläche. Eine Schwester der Renovation ist die Restauration. Menschen mit einer solchen Ausbildung würden nie von sich sagen, sie würden flicken, weil das in ihren Ohren unpassend, ja obszön tönt. Merkmal dieser handwerklichen Profis sind wiederum die analytischen Kenntnisse, die sie kraft ihres Wissens, ihrer Leidenschaft und ihrer Erfahrungen in einen ‹Problemfall› einbringen. Sie stellen nicht nur einen Gegenstand wieder in seiner (technischen) Funktion und seiner (idealisierten) Ästhetik her, sondern betten ihn zusätzlich in einen historischen Kontext. Sie flicken sozusagen nebst der Oberfläche auch die historische Tiefe: Der Gegenstand repräsentiert Geschichte. In ihren Händen gedeiht er zum Vertreter eines Geschichtsverständnisses, er wird zum Massstab ihrer Kunst und ihres Könnens. Ein anderer Begriff ist im Kontext der Körpers sehr modern, obwohl auch er aus dem Handwerksbereich, genauer der Foto- und Druckindustrie kommt: Retusche. Was früher meinte, weisse Stäubchen auf Fotos und Druckvorlagen auszuflecken oder den Augen Abgebildeter ein Glanzlicht aufzusetzen, um sie lebendiger erstrahlen zu lassen, passiert heute im Fach der Schönheitschirurgie real. Hier ist das Skalpell, wie der Marderhaarpinsel, das Ausbesserungswerkzeug einer Veredelungstechnik. Mit kleinen Schnitten wird korrigiert, ergänzt, betont und geschliffen. Gerade in den postoperativen Behandlungen von Narben steht weniger die Funktion als die Ästhetik im Vordergrund. Recycling, um einen letzten Re-Begriff zu erörtern, steht jenseits all dieser Begrifflichkeiten. Deshalb sei er nur der Abtrennung wegen erwähnt. Recycling versteht sich grundsätzlich als etwas neu Geschaffenes, dessen Ausgangsmaterialien alt sein können. Hier wird mit einem alten, ausgemusterten Material eine gänzlich neue Form und Funktion geschaffen. Die Aura des Neuen besteht darin, dass es das Alte, Vergessene, Verlorene sozusagen als nostalgischen Wert mitschleppt und als Rohmaterial durchschimmern lässt. Medizin Der Körper war seit der Antike im Zentrum der Forschenden, um seine Funktionen, Schädigungen oder Selbstheilungsprozesse etc. zu verstehen. Dieses Wissen wurde immer weiter notiert und tradiert: Die Lehre der vier mythischen Säfte wurde durch die Faktizität der Anatomie abgelöst, später begriff man die Kreisläufe, dann den Stoffwechsel, die embryonale Entwicklung, schliesslich die Arbeit von Viren, Bakterien und Enzymen. Mittlerweile sind wir in der Gentechnik angelangt, die den Schaltplan soweit decodiert hat, dass er sich in kleinsten Portionen auch wieder reproduzieren lässt, im Wissen, dass der Mensch keine Maschine ist, die sich gemäss schematischem Bauplan zusammensetzen lässt. Der Körper erschien den Menschen vor allem in Missgeburten als defektes, irregeleitetes System und damit göttliches Warnzeichen. Schon früh wurde versucht, solchen Monstrositäten auf den Grund zu gehen, lange aber ohne Erfolg. Viel schneller gelang es, oberflächliche, vielfach kriegsbedingte Verletzungen mit möglichst körpereigenem Material zu substituieren. Im Laufe der Zeit wurde versucht, die Funktionalität von Körperteilen und -organen nach Unfällen in Arbeit, Sport, Freizeit, aber auch die Schädigungen aufgrund zu viel oder zu wenig Mobilität, wieder mittels operativen Eingriffen und einem reichen therapeutischen Angebot zu verbessern. Der Eingriff in den genetischen Bauplan steht jüngst in der Diskussion, weil versucht wird, auf verschiedenen Ebenen die Gene zu optimieren und zu modifizieren (Nahrung, unheilbare Krankheiten, Kinderdesign). In den letzten Jahren steht vermehrt die ästhetische Oberfläche auf dem Operationstisch. Der Körper wird partiell unterspritzt, abgesaugt, neu geformt, die Identität massgeschneidert. Der Körper unterliegt einem öffentlichen Schönheitsdiskurs, der Folgen für das Individuum, aber auch für die Krankenkassen hat. Dieser Schnitt am lebenden Modell begreift den Körper nicht primär als etwas Krankes, Verletztes, sondern als völlig gesunden Kosmos. Das Problem ist nicht mehr die überwindbare Krankheit oder eine andere Funktionsstörung, sondern die selbst ernannte Unvollkommenheit. Die Machbarkeit weckt die Begehrlichkeit. Ideologie/Staat/Religion Wir werden stets in ein bestimmtes gesellschaftliches System geboren. Mit und in diesem müssen wir uns zurecht finden. In diesem Lernprozess entlang von feinen Kanten richtig/falsch, korrekt/unpässlich, anbiedernd/abschätzig etc. erwerben wir unser (Selbst)bewusstsein, basteln wir unsere Identität. Dieses Geflecht von Richtlinien, Regeln, Geboten, Normen, Traditionen, Verpflichtungen ist im Alltag eine Orientierungshilfe. Da der Mensch in seinem befristeten Leben nicht alles neu erfinden kann, ist er bestrebt, bestimmte Weltbilder zu übernehmen. Trotzdem muss er diese in sein eigenes Lebenskonzept integrieren, er muss seine Weltanschauung entwickeln, da jede Zeit andere Rahmenbedingungen macht und Reibflächen und -verluste erzeugt. Er orientiert sich in seinem Umfeld, richtet sich nach Aussprüchen seiner Idole, formt aufgrund von eigenen Erfahrungen seine Ideale, vergleicht sein Bewusstsein mit demjenigen der andern. Ein moralischer oder ethischer Massnahmenkatalog zur «Kundenbindung», als soziale Kontrolle institutionalisiert in Staat und Religion, hilft, die Orientierung aufrecht zu erhalten. Beichtstuhl wie Gefängnis sind Einrichtungen, die das Leben nach Verfehlungen wieder so sozial wie möglich erscheinen lassen. Die Couch des Analytikers (des Seelenklempners, wie er abschätzig, aber nicht zwingend falsch, geheissen wird) steht für die ausgelagerte Hilfestellung, die sich an einem aufgeklärten Heilsversprechen orientiert. Wenn der Mensch nicht mehr ohne Sicht von aussen zu sich selbst findet (über Strategien der Bewusstseinverstärkung), übergibt es sein Schicksal seinem Therapeuten. Im Gegensatz zu Gefängnis und Beichtstuhl, die beide mit einer Tilgung der Schuld verbunden sind, ist die Analytikercouch aber nicht ein Ort der Befreiung, der integrierten Absolution. Hier wird vielmehr Einsicht in einen Mechanismus betrieben, der nicht der logischen Mechanik folgt. Insofern ist hier der Erfolg auf eine Reparatur keineswegs garantiert. Alltagskultur Verwendete Materialien unterliegen dem Verbrauch, der Vernutzung und dem Verschleiss. Während sich Rohware auflöst oder verbraucht, sind Gerätschaften aufgrund ihrer Zurichtung auf bestimmte Funktionen und Ablaufprozesse erhaltungswürdig. Deshalb werden sie womöglich geflickt, damit sich die Anschaffung auch rentiert. Je multifunktioneller und komplexer solche Geräte- und Maschinensysteme sind, umso diffiziler sind sie in ihrer Architektur und bedingen deshalb, um Langlebigkeit zu garantieren, besondere Herstellungspräzision, Produktionsmaterialien und Pflege. Beanspruchung und Wartung sind sozusagen die beiden ineinander zu verzahnenden Dienste, um die Hartware des Gerätes selber in seinen Funktionen zu erhalten. Für eine optimale Nutzungsverlängerung gilt es, dieses Gleichgewicht von Gebrauch und Sorge zu erhalten. Aus diesem Umgang mit Sachen, dem zugeschriebenen Wert jenseits des Sach- und Materialwerts, lässt sich ein zivilisatorisches Verhältnis ablesen. Kulturelle Erzeugnisse sind aufgrund ihres (falschen) Gebrauchs einem hohen Bruchrisiko ausgesetzt. Einfache Gerätschaften können aufgrund einer Überbeanspruchung kaputt gehen. Sie sind auch meist auf relativ einfache Weise wieder zu flicken. Einfache Werkzeuge sind geradezu dahingehend genial, da sie sich in einige Komponenten trennen lassen, die je geflickt oder ersetzt werden können (Stiel, Achse, Fahrradschlauch, Glühbirne etc.). Fehler, Defekte, von aussen nicht einsehbare Korrosionen können Systeme lahm legen und bedingen aufgrund ihrer Komplexität ein anderes Wissen vom System. Permanente Zustandsuntersuchungen mit ihren Feindatenbanken lassen wie in einem Frühwarnsystem Veränderungen rechtzeitig erfassen. Umwelt/Behausung In unseren Gegenden scheinen glatte, saubere Flächen einen höheren Prestigewert zu haben als ungerade, durchzogene, mit einer gewissen Aura belegte Oberflächen. Warum das so ist, lässt sich kulturell nicht unbedingt fassen. Man könnte eine höhere Bereitschaft für eine gute Ästhetik in Betracht ziehen, aber auch eine erhöhte Kaufkraft, die solche Veredelung erst zulässt, oder man könnte die klimatischen Bedingungen dafür verantwortlich machen, die gewaschene Landschaft, klare Bergbäche, magische Bergzinnen, die veredelte Topografie als Bilderbuch aufklappen lässt, bis hin zu einem politischen wie umwelttechnischen Führungsanspruch in Sachen Sauberkeit und Ordnung. Das Gesetz von der Regel- und Ebenmässigkeit besagt, dass das Auffällige stets dort zu finden ist, wo es aus der Regelmässigkeit ausbricht und deshalb die Harmonie stört. Tatsache ist, dass der Schweizer einen Hang hat, seine unmittelbare Umwelt zu gestalten. In seiner Enge schafft er sich Behaglichkeit, verschönert mit allerlei Zierrat und entwickelt eine erstaunliche Lust am Werkeln in Keller, Vereinsleben und Schrebergarten. Ziel seiner Verrichtung ist nicht in erster Linie der Erhalt der Funktionen, sondern ein harmonisches Ambiente, ein individueller Komfort, der seinerseits sein Sicherheitsgefühl stärkt. Gegen jede Behausung sind die klimatischen Bedingungen (Wasser, Kälte/Hitze) die grössten Schadensverursacher. Im Hochbau wird wieder vermehrt versucht, unterhaltsfreundlich zu bauen, d.h., dass Eingriffe von aussen möglichst einfach sind (zentrale, offene Kanäle). Der Einblick in den Untergrund zeigt uns, dass Kanalisationssysteme ein wichtiger Teil der gesamten Bauindustrie sind. Auch sie sind einer permanenten Betreuung und damit Erneuerung unterworfen. Je nach politischem Regime werden Defekte im Untergrund ‹sanierungswütiger› und damit kostenintensiver gelöst. Doch der Autobahnbau im Untergrund ist nicht über jeden Zweifel erhaben. Mobilität Da wir täglich privaten Verkehr produzieren oder öffentlichen Verkehr in Anspruch nehmen, entstehen Abgase, Staub oder Schrott, die ihrerseits mit Reinigungs- und Filtersystemen möglichst unschädlich gemacht werden müssen. Vor allem im öffentlichen Verkehr werden Fahrzeuge nicht nur als solche benutzt, sondern, zu 100 % von Jugendlichen, zugleich als individuelle Werbefläche für Tags, Scratches und Schmierereien angesehen. Dieses Verhalten sagt etwas über das Verhältnis zum Eigentum: Gehört einem eine Sache, so wird ganz anders Sorge getragen, als wenn sie einem nicht gehört. Die öffentlichen Einrichtungen unterstehen deshalb ganz besonders der Abnutzung, vielfach gar der mutwilligen. Mobilitätssysteme sind aufgrund ihrer Anfälligkeit auf Verspätung und Unfallgefahr besonders erpicht, bestimmte Teile lange vor der materialimmanenten Sollbruchstelle auszuwechseln. Dabei werden besonders beanspruchte Teile auf ihre Fahrtüchtigkeit überprüft und gewartet. Diese vorsorglichen Reparaturen in Form von Kontrollen, Revisionen und technischen Überholungen minimieren jegliches Unfallrisiko. Im Voraus zu reparieren und in bestem Zustand zu halten ist hier eine Investition in die Sicherheit und Zufriedenheit einer Kundschaft, die für einen schnellen, globalisierten Transport, nicht zuletzt öfters im Anschluss an eine Kritik am öffentlichen Verkehr, votiert. Anhand der Fahrradreparatur lässt sich zeigen, dass neue Systeme, egal in Bauart, Kybernetik, Schaltung, Licht, Elektrizität etc. die Kleinteiligkeit der Reparaturteile ins schier Unendliche wachsen lassen. Diese Komplexität der Reparatur ist vor allem in der Mechanik gegeben, wo Einzelteile aufgrund ihrer individuellen Beanspruchung kaputt gehen können. Copyright der Texte © Fritz Franz Vogel PS: Ein längeres Essay zum Thema findet sich auf der Website eines der Gastkuratoren und Buchherausgebers: www.fritzfranzvogel.ch Exponatsliste
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