Auf den ersten Blick erscheint das Konzept des Flickens eher antiquiert. Man denkt an gewiefelte Hemdenkragen und geplätzete Hosenknies, an neu verkittete Fenster oder an frisch gestrichene Gartenzäune, vielleicht an Fleckenentferner oder Tipp-Ex. Doch genauer besehen steckt hinter dem Flickkonzept weit mehr als die handwerkliche Wiederherstellung von etwas, das einem über die Jahre meist sehr lieb geworden ist und deshalb noch möglichst lange «halten» oder erhalten sein soll. Gerade durch das Flicken wird oft ein emotionaler Mehrwert (Aura) produziert, der, fern vom realen Wert, weiter tradiert wird. Flicken ist damit vielfach lohnenswert, weil der Arbeitsaufwand eben mehr als bloss ein Objekt wieder herstellt.

Das Konzept des Flickens orientiert sich an der Funktionalität und nimmt Bezug auf das Konzept der natürlichen Harmonie, dem antikischen Konzept von Schönheit, Güte und Wahrheit. Wo geflickt werden muss, ist dieses (vor allem visuelle) Konzept beeinträchtigt, hat Beulen, Dellen, Schrammen, Risse. Die Wiederherstellung ist also der Motor, (ästhetische) Harmonie wieder zu erreichen. Dass es dieses Ideal kaum gibt, beeinträchtigt dabei den Impetus, es zu erreichen, nicht. Geflickt wird also im Hinblick auf etwas Ganzes, Unversehrtes, in sich Ruhendes und Funktionierendes hin – auf ein Ideales, das zwar nicht erreicht, aber angenähert werden kann. Dabei kann die Perspektive entscheidend sein: Zeigt sie in Richtung Wiederherstellung des vorhandenen Schadens (Reparaturwerkstätten mit je ihrem eigenen Fundus an Ersatzteilen, Wissen und Werkzeugpark) oder nimmt sie den Schaden zum Anlass, etwas Neues zu gestalten (Flickenteppich, Recycling).

Welche Flicktechniken anzuwenden sind, wer die Narben am unsichtbarsten herzustellen im Stande ist, wie Flickflecken, Pannen, Schäden nachhaltig ausgebessert werden können, wo Unterhalt und «Flicken vor dem Notstand» ratsam sind, all dies sind Aspekte, die im Kontext einer Ausstellung und in der Publikation erörtert werden. Dabei reicht die Palette vom reinen Notbehelf, z.B. mit einem Ast eine offene Baugrube zu markieren, über digitale Utilities, verlorene Daten zu reparieren, bis hin zum Facelifting und Bodywork, wo Flickwerk mehr als bloss Retusche ist, nämlich de facto eine Neukonzeptionierung der menschlichen Identität.

Es steht ausser Frage, dass dieses alt-neue Flickkonzept sehr viele zeitaktuelle Bezüge bietet, die sich aus dem Historischen und Handwerklichen herleiten lassen (Reparaturwerkstätte Mensch und Gen, Baumessen und DIY-Boom, nationale Grenz- und regionale Flurbereinigungen, digitale Bildmanipulationen, sprachliche Vertuschungen und Euphemismen, Geschichtsklitterung etc.). Nicht zuletzt wird dabei ein alltägliches Handeln angesprochen, das sich zwischen einer tugendhaften Sparsamkeit und vorbestimmtem Verbrauch von Gütern entscheiden muss.


PS:
Ein längeres Essay zum Thema findet sich auf der Site eines der Gastkuratoren und Buchherausgebers: www.fritzfranzvogel.ch